filmbiz: Kino ist Prime-Angebot

Christian Dörfler, Branchensprecher der Kinos in der WKO, GF Haydnkino

 

 Kino sollte demokratisches Vergnügen für alle sein!

 

Was ein gutes Kinojahr ausmacht und warum Kino wieder boomt, erklärt Christian Dörfler, der Branchensprecher der Kinos in der Wirtschaftskammer Österreich  & Geschäftsführer Haydnkino im FSM-Interview.

 Bis Jahresende erwartet sich die heimische Kinobranche ein 10-& prozentiges Plus, war heuer ein besonders gutes Kinojahr?

CHRISTIAN DÖRFLER: Dafür sind neben den großen Hollywoodfilmen auch andere Faktoren ausschlaggebend, wie die fehlende Konkurrenz durch Sportveranstaltungen (keine WM, EM etc.), aber es lief heuer schon besonders gut. Begonnen hatte es im Frühjahr mit „50 Shades of Grey“, weiter mit „Fast and Furious 7″, „Minions“ oder„Fack Ju Göhte 2“, alles Filme die die halbe Milliongrenze überschritten. James Bond ist immer ein Publikumsmagnet, aber mit der Österreicherbeteiligung in Form von Christopher Waltz bzw. den Locations ist das Interesse verstärkt. Dazu kommen im Moment „Die Tribute von Panem: Mockingjay – Teil II und als Höhepunkt des Jahres „Star Wars VII – Das Erwachen der Macht 2“. Wir haben dafür vor knapp 6 Wochen den Vorverkauf gestartet und die Tickets gingen weg wie die warmen Semmeln. Für die Mitternachtsvorstellung am 17.12. waren im VVK 90 % der Karten innerhalb kürzester Zeit ausgegeben. Es ist generell ein Zug zum Kino spürbar und die großen Blockbuster waren gut gestaffelt.

Das epische Kinoerlebnis wird gesucht?

DÖRFLER: Generell können wir den Trend beobachten, dass Filme auf jenem Medium gerne gesehen werden, für welches diese auch produziert werden und das ist überwiegend Kino, nach einer Phase des Verkleinerns der Bilder auf PC, Tablet und sogar Handy findet nunmehr wieder eine Trendumkehr statt. Nicht einmal die digital natives schauen sich Filme auf ihren Handys an, die Menschen wollen Filme eindrucksvoll in höchster audiovisueller Qualität erleben und das ist nur im Kino möglich. Die österreichischen Kinounternehmer haben in den letzten Jahren enorme Summen in Technik und Ausstattung investiert und sind in diesen Bereichen auch europaweit führend. So wurde beispielsweise die Umstellung auf digitale Vorführtechnik binnen kürzester Zeit umgesetzt, was nur wenigen Ländern in diesem Tempo gelungen ist.

Zum heurigen Kinojahr: warum ziehen große Namen oder auch Fortsetzungen immer wieder?

DÖRFLER: Hollywood würde nicht so viele Sequels produzieren, wüsste es nicht, dass dies ein lukratives Unternehmen ist, ob es Cineasten gefällt oder nicht, die große Masse will es so. Star Wars ist aber noch eine Stufe darüber, es ist Kult, ich behaupte Luke Skywalker ist bekannter als Christus und die Geschichten funktionieren über mehrere Generationen hinweg. Wenn man solange auf einen Film wartet – und auch die Zahlen, die man aus den US bekommt (Vorverkauf, Merchandising etc.) – stimmen zuversichtlich, kann man nur mit einem Megaerfolg rechnen. Weihnachten steht heuer sicher im Zeichen von Luke, Han Solo& Co.

Ist es nur mein Eindruck, aber drängen sich die Blockbuster gerade heuer so um diese Zeit?

DÖRFLER: Das scheint ein subjektiver Eindruck zu sein, denn das Kinojahr läuft mehr oder weniger immer nach denselben Zeitfenstern ab: es beginnt im Mai mit den großen Hollywoodblockbustern, mit gut gehenden Filmen in den Sommermonaten, September und April sind die schwächsten Monate, Vorweihnachtszeit und Weihnacht haben immer große Filme, die sich bei Glück weit in den Jänner hineinziehen können und dann gilt es abzuwarten, ob die Oscar-Kandidaten Zugpferde sind. Diesen Jahresrhythmus geben die großen Studios vor und danach richten sich auch kleinere Programmkinos wie zB. das Haydn.

Ist ein Revival des Kinos einhergehend mit einer gesellschaftlichen Umformierung: retro ist total chic?

DÖRFLER: Kino wird als sogenanntes Prime-Angebot wahrgenommen, das kann man durchaus mit den in gewissen Kreisen vorherschenden Werte wie bio, regional, nachhaltig etc. vergleichen, man lässt sich gewisse Dinge etwas kosten und genießt mit gutem Gewissen diesen Mehrwert.   Kino ist sicherlich ein Teil dieses Unterhaltungssegment, speziell die Programmkinos und ganz im speziellen solche wie das Haydn mit OV. Dazu kommt in unserem Fall die Lage auf der Mariahilfer Straße, mitten im sogenannten Bobostan. WIr können uns aber nicht darauf verlassen, dass die Leute soundso kommen, sondern müssen ihnen maßgeschneiderte Angebote bieten. Man muss sein Publikum sehr genau kennen, Horrors ist zB, im Haydn überhaupt kein Thema, während Weltraumfilme wie Gravitiy oder Interstellar, die allgemein in Österreich durchschnittlich liefen, bei uns eine hohe Auslastung zeigten. Aber Kino allgemein hat doch sehr verschiedenartige Parameter: es gibt ein großes Stadt/Landgefälle, es gibt das Problem, dass es Gegenden in Österreich gibt, wo der Weg ins Kino sehr weit ist, es gibt außer in den studentisch geprägten Landeshauptstädten wie Graz, Linz, Innsbruck kaum Programmkinos, geschweige in OV, dafür gibt es wiederum die Angebote der Multiplexe, die oft in Shopping Centers eingebunden sind, die auf Mainstream setzen und dafür auch vom Publikum belohnt werden. Es ist Platz und Angebot für alle da.

Ein besonderer Coup scheint die Liveübertragung von Opern oder Theater ins Kino zu sein. Cineplexx startete mit Liveübertragungen aus der Met schon in die neunte Saison, Centfox bringt All’Opera aus Italien, Sie setzen im Haydnkino auf gehobene Theaterkunst. Wie kam es dazu ?

DÖRFLER: Die Opernübertragungen sind eine Erfolgsgeschichte, nur, das wollten wir keinesfalls kopieren, aber sie gaben uns die Idee, zur Kooperation mit englischen Theaterhäusern. Bei uns wird live zB. aus dem Londoner Barbican Theatre übertragen. Unser Publikum, das ja vorwiegend der A-Schicht angehört, nimmt dieses Angebot trotz erhöhter Kartenpreise sensationell an.

War der Filmstar Benedict Cumberbatch der Gateopener für den Erfolg?

DÖRFLER: Da braucht es nicht mal einen Benedict Cumberbatch als Hamlet, um einen Ansturm zu entfachen.Wir betreiben diese Kooperation mittlerweile schon 1 1/2 Jahre, viel wurde über social media transportiert, aber jetzt sind wir soweit, dass wir uns für diese besonderen Kinoabende noch mehr einfallen lassen, es soll insgesamt noch ein erinnerungswürdigerer Kinoabend werden. Am 31.12. bringen wir eine Hamlet-Gala, das wird mit Sicherheit ein ganz besonderes Silvester.

Angebot ist ein gutes Stichwort: es wird von vielen Seiten darüber beklagt, dass zu viele Filme erscheinen, stimmen Sie damit überein?

DÖRFLER: Auf alle Fälle. Wir beschäftigen uns sehr viel mit der geeignetsten Filmauswahl, wir sehen unsere Rolle diesbezüglich als die eines Kurators, wir wollen unserer Zielgruppe das ideale Angebot unterbreiten, es sollte so sein, dass man ins Haydnkino kommen kann und sich darauf verlassen, dass man dort Filme sieht, die einem gefallen. Es gibt Wege, um der wöchentlichen Flut an Neuerscheinungen zu entgehen, unkonventionelle Kinozeiten, Ticketaktionen etc., es ändert aber nichts an der Tatsache, dass man als Kinobetreiber à jour bleiben muss. Sei es in technischer, programmlicher oder infrastruktureller Hinsicht.

Ihr Publikum beginnt mit dem Studentenalter und geht weit über die 50 hinaus, trotzdem sieht man immer sehr viele SchülerInnen im Haydnkino, was machen die hier außer Schulvorstellungen mit der Englisch-Lehrerin?

DÖRFLER: Wir bieten sehr viele Schulvorstellungen vormittags an, das ist richtig, aber wir haben gemeinsam mit dem Bildungsministerium ein Projekt namens „Kino zum Anfassen“ gestartet. Alle SchülerInnen der Wienwoche sind eingeladen, Kino hinter der Leinwand zu entdecken, meine kompetenten Mitarbeiter erklären den Weg bzw. die Unterschiede vom analogen Film zum 3D, die quasi versteckten Aufgabenbereiche eines Kinos werden vor den Vorhang gebeten und wir betreiben auch ein wenig Informationspolitik hinsichtlich des Themas Raubkopie.

Ihre Firma Dörfler Consulting ist auch für die Filmprädikatisierung bzw. Jugendmedienkommission zuständig. Was ist dabei Ihr Aufgabenbereich bzw. wem bringt dies etwas?

DÖRFLER: Dabei sind wir nur für die Organisation zuständig, wir üben eine rein koordinierende Funktion aus, inhaltlich sind dafür die jeweiligen Juroren verantwortlich. Persönlich finde ich es schade, dass aus der Auszeichnung der Prädikatisierung nicht mehr gemacht wird, es ist ein positives Merkmal, das man verstärkt als Marketinginstrument einsetzen könnte.

Was wünschen Sie sich als Kinobetreiber aber auch als Sprecher des österreichischen Kinoverbands für die nächste Zeit: was sollte sich verändern?

DÖRFLER: Es gibt zwei große Themen, die uns Kinobetreiber beschäftigen und da nützen dir die persönlichen Ideen, wie du dein Kino füllst, wenig und zwar sind das politische Anliegen:

das Erste ist die Rücknahme der Steuererhöhung auf Kinokarten von derzeit 10 % auf 13% per kommenden Jahres. Das ist für eine Kulturnation wie Österreich eine Schande, wenn man bedenkt, wieviel Geld der Staat mit Kultur verdient. Und es bringt auch nichts, wie man zB. an einer Filmnation wie Frankreich erkennt: die waren ebenfalls hinaufgegangen, haben aber ihren Fehler eingesehen und heben jetzt 5 % an Steuern für Kinokarten ein. Gerade Kino sollte ein demokratisches Vergnügen für alle sein!
Und das zweite große Thema ist die Raubkopie. Wir im Kino bieten ja noch das Prime-Vergnügen an, aber ganz besonders stark davon betroffen ist die DVD-Verwertung und man braucht alle Glieder einer Kette, um Kinokultur aufrecht zu erhalten. Wenn Künstler keine Werte mehr auf ihre Tantiemen bezahlt bekommen, dann werden sie in Zukunft nicht mehr davon leben können. So einfach und folgenschwer. Es ist überhaupt nichts cool daran, geschützte Inhalte illegal zu verbreiten oder downzuloaden. Wenn wir diese Problematik bei unseren Schulvorführungen erklären, dann wird es verstanden, warum es noch immer nicht nach ganz oben im Justizapperat durchgedrungen ist, ist schleierhaft. Es wäre technisch ein Leichtes, Seiten mit illegalen Inhalten vom Provider sperren zu lassen. Warum passiert dies nicht?
Und als letzten Wunsch besonders für meine Kollegen: wir brauchen mehr österreichische Publikumserfolge. Wo bleiben die denn?