Filmbiz: Brenna tuat’s schon lang

Der Hubert von Goisern Hit ‘Brenna tuat’s guat´könnte auch als Motto von Langbein & Partner stehen. Die 1992 gegründete Filmproduktionsfirma bringt nicht nur den HvG-Film ins Kino sondern schaut auch dort genau hin, wo andere die Augen verschließen. Ein Gespräch mit dem immer noch für seine Themen brennenden Gründer, Filmemacher und Journalisten Kurt Langbein.

Überraschend, wahrscheinlich nicht nur für mich, war, als ich Ihren Namen als Produzent des neuen Kinofilms über Hubert von Goisern ‘Brenna tuat´s schon lang’ las. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

KURT LANGBEIN: Obwohl wir vornehmlich in den Bereichen Gesellschaftspolitik, Wissenschaft und Medizin tätig sind, haben wir auch schon Kulturdokus wie zB. ‘Back to Africa’ von Othmar Schmiederer mit KünstlerInnen aus dem “Afrika, Afrika”_Ensemble produziert, es ist daher nichts ganz Neues. Hage Hein, der langjährige Produzent von Hubert von Goisern, ging schon lange schwanger mit der Idee, einen Film über ihn zu drehen, aber wie es fehlte an Knowhow und Finanzierung. Das Konzept und auch Gespräche mit Hage Hein und Regisseur Marcus H. Rosenmüller zeigten aber rasch, dass der Film zwar den Künstler in den Mittelpunkt stellen soll, aber parallel dazu viele Fragen aufwirft: was ist Fremde, was ist Heimat, warum braucht es Traditionen, was fördert Aufbruch und Veränderung…Das sind ja alles Themen, mit denen sich der vielseitig interessierte HvG beschäftigt und natürlich widmen wir uns eingehend seiner Musik, die zum Besten gehört, was in Österreich in den letzten 25 Jahren entstanden ist.

Welche Erwartungen haben Sie bezüglich Besucherzahlen?

LANGBEIN: Schwierige Frage, mit der man sich leicht ins Out bringen kann, aber 50.000 ist die untere Messlatte, wir starten in rund 100 Kinos, davon 32 in Österreich. Und wir haben eine Sondervermarktung geplant, da sich der Film ja nicht mit Hollywood-Blockbustern messen kann, sondern auf gezielte Kommunikation setzt, mich stimmen die Reaktionen auf Facebook und Youtube im Vorfeld schon optimistisch.

Müssen sich seriöse Wissenschaftsjournalisten heutzutage auch mit Vermarktungsstrategien via neuer Medien befassen?

LANGBEIN: Klar sind auch diese ein Teil unserer Arbeit und nachdem wir ein sehr buntes Team sind, hat jeder seine Vorlieben, wobei ich persönlich den Eindruck habe, dass Facebook immer älter wird. Grundsätzlich geht es aber in unserer Filmproduktion um alles, was für die Zukunft unserer Zivilisation Bedeutung hat. Wir haben wöchentliche Ideenmeetings, wo sich in Gesprächen dann mögliche Filmthemen herauskristallisieren. Ich will keine Sekunde über den Sinn eines unserer Projekte nachdenken müssen, unsere Filme sollen bewegen – persönlich, politisch, emotional. Aber man muss als Filmproduzent immer international denken, um die Projekte finanzieren zu können.

Wie haben sich hier die Parameter seit der Gründung Ihrer Firma 1992 verschoben?

LANGBEIN: Als ich damit begann, war ich etwas zu blauäugig, indem ich fest an ein internationales Netzwerk glaubte. Aber außer im Esperanto des Tier- und Naturfilmes wird Film doch sehr von regionaler Kultur beeinflusst. Wir haben mittlerweile unsere festen Partner vor allem im deutschen Sprachraum, aber leicht hat man es als Dokumentarfilmer nicht. Die Budgets bei den Sendern sinken Jahr für Jahr, wenn das so weitergeht, wird Qualität immer schwieriger herzustellen sein. Gerade im TV-Bereich ist die Begrenztheit sehr spürbar, daher auch für uns jetzt das Abenteuer Kino, hier wird Qualität noch finanziert.

Andererseits ist die Auswahl an Fernsehanstalten größer…

LANGBEIN: Aber auch wenn mit Servus TV ein toller Sender im gehobenen Segment mitmischt, leider mit viel zu niedriger Quote, sind dafür große Anstalten wie RTL von der Dokulinie abgekommen und auch die öffentlich-rechtlichen Sender schieben Hintergründiges immer mehr weg. Man muss von seine Arbeit schon überzeugt sein, um optimistisch zu bleiben. Wir bekommen aber vom Publikum viel Ermutigung, so hatte unsere letzte TV-Doku „Arm, trotz Arbeit”, die im Rahmen der ORF-Reihe „Menschen & Mächte” lief, einen Marktanteil von 22 Prozent. Das ist großartig und zeigt, wie interessiert viele Menschen auch an unangenehmen Themen sind. Ich sehe Quote durchaus als etwas Positives, denn wenn ich einen Film drehe oder ein Buch schreibe, möchte ich damit möglichst viele Menschen erreichen, das ist für mich ein Erfolgskriterium.

Sie sprachen vorhin von den großen Themen unserer Zeit, gibt es da Trends?

LANGBEIN: Ich bereite gerade eine Dokumentation mit dem Titel Landraub vor, die im Herbst in die Kinos kommt. Seit der Finanzkrise hat das Finanzkapital die Äcker der Welt als Geschäftsfeld entdeckt. Statt Bauern bestimmen dann Profitinteressen über die Böden. Den Lebensgrundlagen für alle droht so die Zerstörung. Das ist sicherlich so ein Thema, das die Menschen bewegt und hoffentlich lösen der Film und das dazu erscheinende Buch einiges aus. Ich bin immer wieder überrascht, wie sorglos die Politik mit solchen Themen umgeht. Und es gibt noch viele andere Themen mit brennender Bedeutung, die noch auf uns warten. Dazu kommt ja: je tiefer man sich mit etwas beschäftigt, desto mehr Verästelungen ergeben sich, desto deutlicher werden Strukturen wahrnehmbar, die erkennen lassen, wie eines zum anderen führt. Eine unendliche Gedankenwelt tut sich auf.

Wie können Sie als Dokumentarfilmer zur Aufklärung beitragen?

LANGBEIN: Ich bin Journalist geworden, weil ich versuche mit meinen Mitteln dem Lauf der Welt etwas entgegen zu setzen. Wir können mit Film und Schrift Anstöße geben, die Blicke öffnen, uns als Hebel betätigen, aber die Macht zu agieren haben andere. Ich fühle mich dem klassischen aufklärerischen Dokumentarfilm verpflichtet und versuche dieses Genre möglichst sorgsam zu behandeln. Aber wir sind keine Schwarz/Weiß-Filmer, sondern versuchen etwas Licht ins Graue zu bringen.

Wird es Dokumentarfilme immer brauchen?

LANGBEIN: Als beobachtender Zeitgenosse und Filmemacher würde ich von einem verstärkten Bedarf an guten Dokus sprechen. Es gab ja einen Boom an Dokumentarfilmen, aber meiner Meinung nach hat die ganze Branche letztlich daraus zu wenig gemacht, denn anschließend hat man sich in viel zu viele kleine Geschichten verzettelt. Diese Beliebigkeit und Ratlosigkeit wurde abgestraft, manche Filme hatten ja weniger als tausend BesucherInnen. Die relevanten Themen unserer Zeit sollten nicht nur artifiziell oder psychologisierend abgehandelt werden, es braucht schon mehr Tiefe. Was jetzt im Sozialen, in der Umwelt und in der Machtverteilung auf unserer Erde passiert, hat Auswirkungen auf die nächsten Jahrzehnte. Ich sehe noch kein Untergangsszenario aber die Weichen werden jetzt gestellt und leider gibt es wenige, die dagegen aufstehen. Große Fragen treffen immer den Lebensnerv – und den versuchen wir mit unseren Mitteln freizulegen!