filmbiz | laut AFC ein rekordverdächtiges Jahr

Schweighofer

REKORDJAHR FÜR ÖSTERREICHISCHE FILME

 

Wie fällt Ihre Jahresbilanz 2014 aus?

MARTIN SCHWEIGHOFER: Das Jahr 2014 war ein außerordentlich erfolgreiches Jahr für den österreichischen Film mit vielen Höhepunkten. Beginnend mit einer Rekordbeteiligung bei der Berlinale, über viele erfolgreiche Beteiligungen bei allen renommierten Festivals weltweit. Das alles wird aber von zwei tragischen Momenten überschattet – dem Tod von Michael Glawogger und Florian Flicker. Zwei wichtige Filmemacher, die den österreichischen Film über viele Jahre mitgeprägt haben und die einen wirklichen Verlust für die Branche darstellen, dessen Tragweite man auch in den kommenden Jahren spüren wird.
Was waren für Sie die herausragenden Filme in diesem Jahr?
SCHWEIGHOFER: Ich nenne einige Produktionen, die dieses Jahr geprägt haben: „Macondo“ –Sudabeh Mortezais Spielfilmdebüt, das seit der Berlinale um die Welt geht. Andreas Prochaskas „Das finstere Tal“ hat u.a. bei den deutschen Filmpreisen abgeräumt und, sehr erfreulich, auch in den heimischen Kinos außerordentlich gut performt. Ich halte es überdies für eine sehr originelle Entscheidung, einen amerikanischen Genre-Film made in A. für den Auslands–oscar ins Rennen zu schicken. Hubert Sauper ist mit „We Come As Friends“ wieder eine äußerst auffallender Dokumentarfilm gelungen, der auch abseits der Festival-Szene Erfolge verbucht. „Risse im Beton“ von Umut Dag und „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen sind ebenfalls herausragende Produktionen. Letztere hat schon bei der Pressevorführung für Standing Ovations gesorgt. Alleine diese Beispiele zeigen die unglaubliche Vielfalt, die das kleine Filmland Österreich auszeichnet und für das wir weltweit auch anerkannt werden. „Amour Fou“ von Jessica Hausner hat in u.a. in Cannes für Furore gesorgt, ebenso wie Ulrich Seidls „Im Keller“ in Venedig, gefolgt von einem politischen Erdbeben in Österreich, was wieder einmal zeigt, was ein Dokumentarfilm auszulösen vermag. Die größte Überraschung in diesem Jahr ist für mich „Ich seh, ich seh“ von Veronika Franz & Severin Fiala, ein Film der quasi aus dem Nichts kam und unglaublich explodierte. Die Produktion hat übrigens in Venedig mit The Weinstein Company einen tollen Verleiher für den amerikanischen Markt gefunden. Michael Sturmingers „Casanova Variations“ mit John Malkovich hat in San Sebastian für starke Reaktionen gesorgt. Die Liste könnte man noch weiter fortsetzen, Fakt ist jedenfalls, dass österreichische Filme nach wie vor weltweit präsent und gefragt sind.
Wie sieht die Situation für 2015 aus?
SCHWEIGHOFER: Auch für nächstes Jahr haben wir genug Material, um unsere Präsenz konstant hoch zu halten Aber: die Erfolge von gestern sind die Herausforderungen von morgen. Wir müssen unsere tolle Trefferquote Jahr für Jahr, Mal für Mal bestätigen. Wie etabliert der österreichische Film international bereits ist, zeigt zum Beispiel ein dreitägiges Symposium der Cambridge University, das sich dem heimischen Filmschaffen gewidmet hat. Auch die Tatsache, dass Festivals und Sales Agents immer zahlreicher bei uns anklopfen und sich nach neuen Produktionen erkundigen, ist ein sehr positives Signal. Betreffend 2015 bin ich jedenfalls sehr zuversichtlich, unsere Präsenz hoch zu halten. Auch wenn es ein Jahr ohne eine Haneke- oder Seidl-Produktion sein wird, sehe ich keine Gefahr für ein Art Talsohle. Neue Filme von Nikolaus Geyrhalter, Karl Markovics, Wolfgang Murnberger oder Elisabeth Scharang, u.v.a. stehen ante portas.
Was sehen Sie als die größte Herausforderung für die Filmbranche?
SCHWEIGHOFER: Wir haben es mit denselben Problemen zu tun wie alle anderen Kollegen weltweit auch. Die Entwicklung der Kinobesuche, Streaming-Plattformen, DVD-Markt, Rechte-Situation, etc. Das größte Problem sehe ich gegenwärtig in der Überproduktion. In Europa werden über 1.200 Filme pro Jahr produziert, wie und wer soll das konsumieren? Insoferne sehe ich eine steigende Wichtigkeit der Festivals, die zur Abspielstation von Filmen werden, die den Weg ins Kino gar nicht finden Das betrifft nicht nur die großen sondern auch alle Nachspielfestivals wie zum Beispiel die Viennale mit seinen über 100.000 Besuchern.
Können Sie einen künftigen Trend erkennen?
SCHWEIGHOFER: Ich denke, dass die aufwändig produzierten, risikobereiten TV-Serien wie „Breaking Bad“, „True Detective“, „House of Cards“, „Top of the Lake“ etc. unser Filmverständnis und vor allem auch unser Filmkonsumverhalten massiv beeinflußen werden. Das enorme Echo auf die Ankündigung, dass David Lynch im kommenden Jahr endlich die dritte „Twin Peaks“ Staffel drehen wird, spricht Bände. Davon können die allermeisten klassischen Kinoproduktionen nur träumen!