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Susanne Nikoltchev, deutsche Medienrechtsanwältin und seit 2013 Geschäftsführende Direktorin der europäischen audiovisuellen Informationsstelle über die Aufgaben dieser EU-Abteilung.

Warum wurde die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle gegründet?

SUSANNE NIKOLTCHEV: In den 80er Jahren erwachte in Europa ein Bewusstsein für das enorme wirtschaftliche Potenzial der sogenannten „audiovisuellen Industrie“ (d. h. Film, Fernsehen, Video und in der jüngeren Zeit sämtliche Abrufdienste) – denken Sie nur an die Dynamik, die damals beispielsweise der entstehende Videomarkt oder die mit der Gründung des Privatfernsehens einhergehende Liberalisierung der Fernsehmärkte erzeugte. Gleichzeitig nahm man strukturelle Schwächen wahr, welche die Einzelstaaterei trotz eines immer stärker zusammenwachsenden Europas eben für dieses Europa nach sich zog. Der enorme kulturelle Reichtum Europas, der in den vielen Staaten und Sprachen seinen Ausdruck findet, wurde insoweit zu einer seiner größten Herausforderungen. „Information“ war von Anfang an ein Schlüssel zum Ziel, wirksam und nachhaltig die europäischen audiovisuellen Märkte zu stärken. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Aus diesem Bewusstsein heraus wurde die Idee geboren, eine zentrale Informationsstelle für das Sammeln, Erarbeiten und Verbreiten von Zahlen, Fakten und Analysen über die audiovisuelle Industrie in Europa zu gründen. Schon damals teilten 33 europäische Länder die Überzeugung, dies sei ein wichtiger Schritt, für die Industrie und die Bürger Europas, und sie haben deshalb 1992 die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle als erweitertes Teilabkommen des Europarates gegründet. Damals bot uns die Stadt Straßburg an, unser Quartier in der Villa Schutzenberger, Stammhaus der gleichnamigen Straßburger Brauereifamilie, aufzuschlagen, und so arbeiten wir nun seit über 20 Jahren in „unserer“ Villa, kaum 100 Meter vom Palais de l’Europe, dem Sitz des Europarats, entfernt. Die Zugehörigkeit zum Europarat ist für die Unabhängigkeit und den länderübergreifenden Anspruch unserer Arbeit ein wichtiger „Garantiestempel“.

Was sind die Haupttätigkeiten der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle?

NIKOLTCHEV: Wir bieten Informationsdienstleistungen zu den verschiedenen Zweigen und Rahmenbedingungen der audiovisuellen Industrie in Europa an. Unsere Arbeit deckt 40 Länder ab und beantwortet die wesentlichen grenzüberschreitenden europäischen Fragen. Unsere wirtschaftlichen Zahlen und Fakten einerseits, und unsere juristische Analysen andererseits, werden in Form von Berichten und Publikationen veröffentlicht, die wir teils verkaufen, aber auch teils gratis auf unserer Website (www.obs.coe.int) zur Verfügung stellen (schließlich sind wir ja eine öffentlich-rechtliche Einrichtung). Wir unterhalten auch vier kostenlos zugängliche Datenbanken, die der Branche Informationen an die Hand geben, die vorher entweder gar nicht, oder nur partiell und häufig ausschließlich nach zeitraubenden Recherchen zur Verfügung standen. Nur ein Beispiel hierzu aus der Filmbranche: Unsere LUMIERE-Datenbank ist die einzige frei verfügbare Quelle, aus der Sie den Erfolg von Kinofilmen über alle nationalen europäischen Märket abrufen können. Zu unseren Nutzern gehören sowohl die Entscheidungsträger der europäischen, nationalen und regionalen Politik und Institutionen als auch die Privatwirtschaft, also Produzenten, Kinobetreiber, Videoverleiher, Fernsehmanager oder spezialisierte Rechtsanwälte und Consultants, Wir liefern den „europäischen Überblick“, der so lange Zeit einfach gefehlt hat.

Bedeutet was genau?

NIKOLTCHEV: Wer wissen will, wieviel ein Däne für seine Kinoeintrittskarte zahlt, oder wie viele Abrufdienste einem Franzosen zugänglich sind, wie viele Fernsehkanäle es in Österreich gibt oder wie Jugendschutz im europäischen Fernsehen umgesetzt wird,, der möge sich an uns wenden. Die Aufsummierung der nationalen Märkte oder ihre Gegenüberstellung sind extrem wichtig, um die Trends der verschiedenen europäischen Märkte zu verstehen – gerade weil wir in Europa mitunter recht unterschiedliche nationale Situationen vorfinden. Der Film- oder Fernsehproduzent, zum Bespiel, der versucht, seinen nächsten Film oder seine nächste Fernsehproduktion noch besser in anderen europäischen Ländern auszuwerten, braucht hierfür mehr als nur ein paar Eckdaten. Er muss die Medienlandschaft außerhalb seines Heimatlandes umfassend verstehen, um auf Auslandsmärkten Erfolg zu haben. Unsere MAVISE Datenbank (http://mavise.obs.coe.int/) enthält eine sehr genaue Beschreibung der Fernsehlandschaft aller unserer Mitgliedsländer – alles kostenlos abrufbar. Unser IRIS Newsletter (http://merlin.obs.coe.int/newsletter.php) liefert monatlich einen exzellenten Überblick der medienrechtlichen „Hot Topics“ in Europa – gleichfalls frei und On-Line ins Haus geliefert. Unsere LUMIERE Filmdatenbank (http://lumiere.obs.coe.int/web/search/), ich erwähnte sie schon, bietet Besucherzahlen für alle Filme, die seit 1996 in den europäischen Kinos gelaufen sind, und dies Land für Land.

Welche Themen behandeln Sie zurzeit?

NIKOLTCHEV: Was unsere wirtschaftlichen Analysen anbelangt, so sind wir gerade dabei, einen sehr wichtigen Bericht über Steuererleichterungssysteme für Film- und Fernsehproduktion in Europa herauszubringen. Da fehlt eben der berühmte „europäische Überblick“ und wir sind überzeugt, dass dieser neue Bericht für mehr Transparenz und Klarheit in diesem sehr spezifischen Steuerbereich sorgen wird. Eine weitere Neuerscheinung der Informationsstelle ist der Bericht über die geografische Herkunft von Fiktion im Fernsehen, vom Spielfilm bis zum Sitcom, ein Schlüsselgenre der TV Programmierung. Aus juristischer Sicht konzentrieren wir uns schon seit Jahren sehr auf urheberrechtliche Fragen, die weitgehend den Geldwert audiovisueller Inhalte mitbestimmen. Außerdem sind wir besonders stolz, gerade die Jubiläumsausgabe unseres Jahrbuchs veröffentlicht zu haben. Es ist die zwanzigste Ausgabe und die letzte, die im Druck erscheinen wird, denn wir erabeiten gerade eine noch nutzerfreundlichere elektronische Version. Das Jahrbuch ist im Grunde ein einzigartiger Querschnitt über die verschiedenen Branchen der audiovisuellen Industrie. Wie schon am Untertitel erkennen ist, findet man geballtes Wissen zu: Fernsehen, Film, Video und audiovisuelle Abrufdienste – die gesamteuropäische Lage. Gerade für die Filmwirtschaft erscheint uns eine fundierte und umfassende Kenntnisse dieser Märkte besonders wichtig, denn Kinofilme werden in allen Medien ausgewertet.

Wie sehen Sie die gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen in der europäischen Filmbranche?

NIKOLTCHEV: Die Filmbranche befindet sich inmitten einer strukturellen Veränderung. Dieser Prozess wird in erster Linie durch die Digitalisierung der Produktion und des Vertriebs aber ebenso des Konsums audiovisueller Inhalte vorangetrieben. Er führt – über kurz oder lang – zu einer Neudefinition der traditionellen Wertschöpfungskette. Schon heute beobachten wir, dass die Besucherzahlen in europäischen Kinos stagnieren beziehungsweise leicht rückläufig sind. Wie Sie wissen verzeichnen DVD / Blu-Ray Märkte starke Rückgänge, während der Konsum audiovisueller Inhalte über das offene Internet („Over-the-Top“ / OTT) stark wächst, ohne bislang jedoch die rückläufige Nachfrage nach traditionellen Videos kompensieren zu können. Dies führt zu einer stärkeren Fragmentierung von Konsumentengruppen und setzt letztendlich in manchen Ländern die klassische Filmfinanzierung unter Druck. Diese Entwicklungen werfen spannende Fragen auf und wir, als Informationsstelle, hoffen durch zuverlässige Daten und Analysen zu ihrer Beantwortung beizutragen.

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