filmbiz: Wer schafft das Reinhardt-Seminar?

Tamara Metelka, Leiterin des Reinhardt Seminars

„Es gibt keine kleinen Rollen, nur kleine Schauspieler“

Mit diesem Zitat des berühmten russischen Theaterpioniers Konstantin Stanislawski bereitet die Leiterin des berühmten Max Reinhardt Seminars, Tamara Metelka ihre Studierenden auf mögliche Enttäuschungen vor.
Was die quirlige Institutsleiterin, seit ihrem Amtsantritt im Oktober noch verändert hat, erzählt sie im wunderbaren Ambiente des von Kaiserin Maria Theresia errichteten Palais Cumberland.

Ende Juni fanden die nächsten Zulassungsprüfungen für Ihr Institut, das Max Reinhardt Seminar, statt. Wie viele Studierende werden genommen bzw. nach welchen Kriterien wird ausgewählt?
TAMARA METELKA: Es ist eine sehr harte Prüfung und als ehemalige Studentin habe ich vollstes Verständnis für die Nervosität in dieser Ausnahmesituation. Wir haben zwei Prüfungen im Jahr, die jeweils eine Woche dauern und von den insgesamt ca. 600 Ausbildungswilligen können wir jährlich ca. 12 Leute aufnehmen. Das strenge Auswahlverfahren liegt
auch darin begründet, dass es ein sehr teurer Studienplatz ist und mir sehr viel daran liegt, dass die Studierenden auch einen Abschluss machen. Als
ich hier studierte, habe ich im 4. Studienjahr bereits am Burgtheater gespielt und nutzte meine Zeit zwischen meinen Auftritten immer, um meine Diplomarbeit voranzubringen. Die Aufnahmekriterien sind relativ leicht zu erklären, es geht um Bühnenpräsenz, Ausdrucksstärke und Flexibilität in der Arbeit.
Wie erkennen Sie Talent?
METELKA: Es gibt selten Uneinigkeit in der Jury, wir wissen nach wenigen Minuten, wer die Runde besteht und wer nicht. Letztendlich ist es eine Entscheidung aus rationalen Gründen, aber oft kommt noch etwas Irrationales hinzu, etwas das uns anspricht oder nicht. Talent liegt im Auge des Betrachters..
Es geht am Reinhardt Seminar aber grundsätzlich um die Ausbildung zur TheaterschauspielerIn?
METELKA: Ja, wobei berühmte Absolventen – wie etwa Christoph Waltz -bekanntermaßen auch im Film sehr große Erfolge feiern. Die Studierenden bekommen in unserer Ausbildung sehr wohl auch das Grundwissen für die Arbeit vor der Kamera mit, wobei ich glaube, dass sich TheaterschauspielerInnen damit immer leichter tun als FilmschauspielerInnen auf der Bühne. Am Max Reinhardt Seminar erlernt
man die Struktur einer Rolle zu erkennen. Der Schauspielende ist das ganze Stück über präsent, während eine Film nie chronologisch gedreht wird und dadurch eine völlig andere Art von Arbeit verlangt. Im Grunde sind es zwei verschiedene Berufe. Viele AbsolventInnen sind sowohl im Theater als auch im Film und Fernsehen tätig. Um auch international bestehen zu können, bekommen unsere Studierenden die Möglichkeit zusammen mit einer native Speakerin den Rollenunterricht auf Englisch zu absolvieren.
Wobei die meisten Filme eh synchronisiert werden?
METELKA: Das finde ich sehr bedauerlich, da die Stimme zum Spiel gehört und aufgrund der Synchronisation die Wirkung halbiert wird. Ein aktuelles
Beispiel dafür ist die TV-Gemeinschaftsproduktion „The Team“, die in der gedrehten Originalversion sehr spannend war, synchronisiert aber leider an Potenzial verlor.
Als vor fast 20 Jahren die ersten deutschen SchauspielerInnen unter der Leitung von Claus Peymann das Burgtheater enterten, herrschte große Angst, dass der berühmte Ton verloren gehen würde. Auch heute ist der Ansturm von Deutschen ans Reinhardt Seminar ungebrochen, sind unsere Nachbarn die besseren SchauspielerInnen?
METELKA: Umgekehrt lieben die Deutschen österreichische SchauspielerInnen sowohl auf der Bühne als auch im Film. Wir pflegen hier am Seminar österreichischen Nachwuchs und österreichische Literatur, wie Nestroy, Schnitzler etc. aber auch zeitgenössische AutorInnen. Dazu braucht es ein Verständnis der Texte, der österreichischen Mentalität. Wir bilden im Sinne von Max Reinhardt aus und versuchen Tradition und Weltoffenheit zu verbinden. Das spiegelt sich auch in der Diversität unserer
Studierenden wider.
Sie sind nun fast ein Jahr Studienleiterin: was konnten Sie in dieser Zeit bewegen?
METELKA:  Wir leiten das Institut als Viererteam (Anna Maria Krassnigg/Regie, Grazyna Dylag/Rollengestaltung, Peter Rössler/Dramaturgie). Da dauert es anfangs oft länger einen gemeinsamen Weg zu finden, aber wenn wir ihn gefunden haben, ist er sicher gut argumentiert. Neben den strukturellen Umgestaltungen der internen Abläufe, versuchen wir, uns noch mehr nach außen zu öffnen. Wir hatten heuer schon sehr publikumswirksame Kooperationen mit dem Theater in der Josefstadt und dem Burgtheater. Wir haben ungeheuer talentierte Regie- und Schauspielstudierende und es ist ein Zeichen der Qualität unserer Ausbildung, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die meisten unserer AbsolventInnen Engagements finden.
Wie beurteilen Sie das Wiener Theaterleben?
METELKA: Ich freue mich sehr, dass es nächste Saison mit Karin Bergmann und Anna Badora nun zwei Direktorinnen an großen Theater in Wien gibt und mit Kira Kirsch als neue Leiterin des brut Theaters zeigt sich auch eine Entsprechung in der freien Szene. Hier greifen offensichtlich neue Mechanismen, die ich als starkes gesellschaftspolitisches
Statement sehe. Kunst und Kultur ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Theater spielt in dieser Stadt eine sehr große Rolle. Dazu kommt, dass die Qualität der österreichischen Filmschaffenden, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.
Scheitern ist ein großes Thema, vor allem auch im Beruf des Schauspielers. Wie kann man den Umgang mit Frust lehren?
METELKA: Das ist etwas, das unsere Lehrenden von Anfang an im Auge behalten müssen. Wer hier beginnt, sollte immer die eigene Entwicklung beobachten, den Blick auf sich selbst schärfen. Das Studium dient der Bewusstwerdung. Dazu gehört das Erkennen der eigenen Grenzen und der stetige Versuch, diese zu erweitern. Scheitern muss erlaubt sein, da sonst keine künstlerische Entwicklung möglich ist. Wichtig ist auch, den Umgang mit Kritik zu erlernen. Ein bewusster Künstler wird sich selbst immer der konstruktivste Kritiker sein.