filmbiz | cepi will kreativ gestalten

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Kreativ gestalten, statt nur reagieren

Elena Lai, Geschäftsführerin des europäischen Filmproduzentenverbandes CEPI über Urheberrecht, Digital economy und dem eurpäischen Fernsehmarkt.
Was sind die Aufgaben eines europäischen Verbands im Verbandsumfeld der EU-Kommission und kann ein einzelner kleiner Filmverband hier überhaupt etwas bewegen?
Elena Lai: Ich leite als Geschäftsführerin den Filmverband CEPI – zuerst unter dänischer, jetzt unter österreichischer Präsidentschaft seit dem Jahr 2011. Wir vertreten insgesamt 8000 Unternehmen in Europa. Ursprünglich ging es bei der Gründung 1989 primär um die Vertretung der Interessen der Fernsehproduktionswirtschaft. Für diese gibt es nämlich auch bei den Interessenverbänden der Audiovisionsindustrie keine Stimme. Inzwischen versteht sich CEPI als der europäische Kino- und Fernsehfilmverband, allerdings mit einem deutlichen Fokus auf die spezifischen Probleme von TV-Produktionsunternehmen und den in allen Mitgliedsländern vorhandenen schwierigen Verhältnissen zwischen diesen unabhängigen ProduzentInnen einerseits und den Fernsehanstalten. Nachdem unsere 19 regionalen Mitgliedsverbände naturgemäß stark in die Probleme ihrer eigenen Länder verstrickt sind, verstehen wir uns als Augen und Ohren der FilmproduzentInnen in der EU-Kommission und verfolgen die Entwicklungen dort sehr genau.
Da steht CEPI ja mit der neuen Kommission und deren stark auf digitale Verwertung ausgerichteten Filmpolitik vor ziemlichen Herausforderungen. Hat sich Ihre Generalversammlung mit dieser Problemlage auf politischer Ebene auseinandergesetzt?
Lai: Unser Kongress hat u.a. natürlich wie immer den Zweck, die hauptsächlichen Entwicklungen zu transportieren, die auf EU-Level 2014 stattgefunden haben und mögliche Strategien zu entwickeln. Natürlich werden die Änderungen im Europäischen Parlament nach den Maiwahlen und die neue Kommission seit 1. November 2014 deutlich unsere Arbeit im kommenden Jahr beeinflussen. Die politischen Konsequenzen der neuen Struktur der Kommission und die von Präsident Juncker klar geäußerte Absicht, das Urheberrecht zu reformieren und den digitalen Singlemarket zu fördern, sind wichtige Themen, die wir nicht nur beobachten müssen, sondern wo wir ein aktiver– wie heißt es neudeutsch so schön – „pro activer“ Partner der Kommission sein müssen.
Und was lässt man sich dafür einfallen? In der Kommission wird die audiovisuelle Industrie ja vielfach als „Dinosaurier“ tituliert, weil sie sich bereits seit geraumer Zeit den politischen Intentionen in Brüssel widersetzt, nämlich ihre Geschäftsmodelle im Sinne der Kommission auf die digitalen Märkte zu ändern.
Lai: Das ist richtig: die vormalige Kommissarin für den Onlinebereich (Anmerkung: DG Connect), Neelie Kroes, war eine große Verfechterin der Onlinemärkte und deswegen hat die Filmindustrie nota bene auf manche, hier auch unrealistische Absichten der Kommission natürlich mit Kritik und Verhinderungspolitik reagiert. Trotz vielfacher Bemühungen ist es offensichtlich nicht gelungen, der Kommission die Parameter der europäischen Filmindustrie zu erklären. Dazu gehört einerseits das komplizierte Beziehungsgeflecht der Finanzierung des teuren Kulturprodukts Film, andererseits die Tatsache, dass der europäische Filmmarkt eben von kultureller Diversität gekennzeichnet ist. Die Kommission will noch nicht verstehen, dass Europa nicht nur nie ein derart homogener Markt wie der US-Markt sein wird, sondern dass gerade die ja auch im EU-Aquis genannte UNESCO-Konvention zur kulturellen Diversität kein Makel, sondern geradezu ein Vorteil der europäischen Filmwirtschaft ist. Wir hoffen, als konstruktiver Partner klar machen zu können, dass wir bereit sind, an der Entwicklung mitzuarbeiten und dem künftigen Verwertungsmarkt im Onlinebereich durchaus konstruktiv gegenüberstehen. Eine Zerschlagung der seit Jahrzehnten gewachsenen funktionierenden Produktions- und Verwertungsmodelle werden wir jedoch nicht hinnehmen. Die Kommission kann das Urheberrecht als Eckpfeiler der AV Industrie nicht ignorieren- einer Industrie, welche in der EU 7 Millionen Jobs generiert und rund 509 Millionen € zur EU Ökonomie beiträgt. Growth and Jobs sind Top-Prioritäten der Kommission; ich denke, da spielt unsere SME (small/medium-sized enterprises) –basierte Wirtschaft eine wesentliche Rolle. Folgen und Auswirkungen einer ausschließlich auf den digitalen Märkte konzentrierten Filmpolitik werden sehr sorgfältig evaluiert werden müssen, bevor hier ein ganzer wichtiger Wirtschafts- und Kulturzweig unwiederbringlichen Schaden erleidet.
Haben die Produzentenverbände hier tatsächlich bei der Kommission ein Gewicht und Stimme?
Lai: Einer der wesentlichen Punkte unserer diesjährigen Generalversammlung war die Verabschiedung eines Manifestos, das klar unsere wesentlichen Grundpositionen enthält, aber auch versucht darzustellen, wofür wir stehen, was die Rolle des Produzenten ist und wie wir uns die Zusammenarbeit mit der Kommission in konstruktiver Weise vorstellen. Das ist nicht nur ein wesentlicher Schritt für die Identifikation des Verbands, sondern stellt auch unsere Rolle gegenüber der Kommission dar.
In der Praxis haben wir schon in der Vergangenheit den sehr aktiven Weg vieler bilateralen Kontakte vom Kommissar bis hinunter zu den Mitarbeitern geschafft. Das Unwissen über die Probleme der Filmwirtschaft ist natürlich teilweise eklatant. Aufklärung und Bewusstseinsbildung und die Schaffung eines politischen Netzwerks sind gerade auf europäischer Ebene unumgänglich notwendig. Wie wichtig das ist, zeigt gerade die Situation dieses Jahres: wichtige, für die Filmwirtschaft bedeutsame Bereiche, wie das Urheberrecht oder die europäische Verleih- und Produktionsförderung Media im Rahmen des Creative Europe Programms, sind in den Geltungsbereich der Digital Economy hinüber gewandert und unterliegen damit dem politischen Einflussbereich von Kommissar Öttinger.
Dass das Urheberrechtsthema zusammen mit so heiklen Themen, wie Verwertungsfenster u.a. ein wesentliches Ziel der nächsten Kommissionsperiode sein wird, hat Kommissionspräsident Juncker ja bereits betont. Wir haben keinen Zweifel, dass Kommissar Öttinger Teile der Politik seiner Vorgängerin Neelie Kroes wohl auch auf seiner Agenda stehen haben wird. Um die Leiterin der Urheberrechtsunit der Eu-Kommission, Maria Martin-Prat, zu zitieren: “the society has shifted, so has policy“.
Natürlich werden auch die Stimmen der Konsumenten und Netzadoranten gehört und die Lobbyingkraft großer internationaler Onlinekonzerne soll auch nicht unterschätzt werden. Wir haben verschiedene Wege gefunden, u.a. durch Teilnahme am Programm Creativity Works – unter Einbeziehung auch prominenter ProduzentInnen, Filmschaffender, RegisseurInnen usw. – unsere Anliegen sicht- und hörbar zu machen. Aber der Prozess bleibt weiter herausfordernd.
Sie haben vorher betont, dass sich CEPI auch besonders als Sprachrohr für FernsehproduzentInnen versteht. Ein in der EU-Diskussion bisher unterrepräsentierter Bereich. Wie sind hier die Erfahrungen?
Lai: Wir haben die Generalversammlung in Oslo nicht nur für Formalitäten genutzt. Eine interessante norwegische Präsentation hat gezeigt, dass auch aus einem skandinavischen Filmland heraus mit der Serie Lilyhammer produziert von Rubicon TV, ein internationaler Erfolg kreiert werden kann, der interessanterweise in den letzten Staffeln mit wesentlicher finanzieller Beteiligung von Netflix zustande gekommen ist. Europäischer Fernseherfolg ist möglich. Serien, wie The Killing, Borgen usw. beweisen das eindeutig.
Dazu ist es aber auch notwendig, lokal die Rahmenbedingungen zwischen den Produktionsunternehmen und den Fernsehunternehmen auf eine faire und transparente Basis zu stellen. In einem Workshop haben die französischen und italienischen Mitglieder an Hand von Präsentationen die zukünftigen Herausforderungen für TV-Drama dargestellt. Wenn Media sich nun auch auf audience development und auf internationale Erfolge konzentrieren will, schön! Auch wenn viel im Fernsehbereich für den lokalen Markt designed ist, besteht überall großes Bewusstsein, dass sich der Fernsehmarkt nun rapid ändert und mehr internationale Koproduktionen notwendig sind, um die Produktionslevel zu halten und andererseits die Verwertung zu forcieren.
In Italien gibt es hier ein ganz klares Problem, wieviel für die unabhängige europäische Produktion investiert werden sollen.
Auch sind wohl die statistischen Investmentdaten nicht ganz klar. Ein Problem ist in vielen Ländern die Quotentransparenz der öffentlich-rechtlichen Sender im Sinne der Quotenverpflichtungen der audiovisuellen Medienrichtlinie, die relativ starke Abhängigkeit von diesen Sendern, vor allem in den kleineren Märkten, und das Fehlen von fairen Terms of Trade. Gerade vor zwei Wochen war ich in Bulgarien und es ist klar- die SMEs auch in Ländern wie Bulgarien suchen nach konkreten finanziellen Mechanismen, welche ihren primär lokalen Content entwickeln helfen.
Irland und vor allem der große Benchmark England haben in Präsentationen gezeigt, dass – siehe die beispielhaften Terms of Trade von BBC mit der englischen Produzentenorganisation Pact. – wohin der Weg weist.
Und der Onlinemarkt? In vielen Ländern gibt es Bemühungen, die Onlineplattformen in die Finanzierungsverpflichtung zu Gunsten unabhängiger Kino- und Fernsehproduktionen einzubeziehen. Welche Rolle spielen Telekom-Operatoren in Europa?
Lai:Die dänische und die flämische Mitgliedsorganisationen haben hiezu zwei Case-Studies präsentiert. Besonders unser flämisches Mitglied hat den Prozess erklärt, wie die ursprüngliche Initiative eines einzelnen Telekommunikationsoperators € 30 Mio. in die Kreation und Produktion von flämischer TV-Fiction zu investieren, letztlich zu einem Gesetz geführt hat, dass eine Obligation des Investments für Audiovisual Service Distributors vorsieht. Diese können entweder ein lump sum Payment von € 3 Mio. p. J. bezahlen oder wahlweise einen Betrag von €1,30 per Subscriber oder sie investieren direkt in den flämischen Mediafonds. Diese Verpflichtung ist sogar „rechtefrei“, d.h. wenn hier von den Telkos Rechte erworben werden, sind diese extra zu lizenzieren. In Dänemark steht Ähnliches ernsthaft in Diskussion und führt natürlich zu entsprechenden politischen Bewegungen. Hier tut sich also einiges.