mediabiz | FM4-Sound weiterhin gegeben

FM4-Chefin Monika Eigensperger über ‘ihr’ eigensinniges Radio

Was waren in den letzten 20 Jahren die größten Veränderungen bei FM4?

MONIKA EIGENSPERGER: In der Kommunikationsbranche und speziell für uns Radioleute, war die Erfindung des Internets und infolge die diversen social media Kanäle die bahnbrechendste Veränderung in den letzten 20 Jahren. Das hat Radio plötzlich in eine ganz andere Welt katapultiert: vom Medium ohne Rückkanal in zu einem, wo Hörer sofort und unmittelbar auf das Gesendete reagieren können. Heutzutage eine Selbstverständlichkeit, war es anfangs doch auch eine manchesmal schwierig zu meisternde Aufgabe. Niemand hatte damit Erfahrung, aber die FM4-Hörer, die – wie wir aus vielerlei Untersuchungen wissen – , sehr technikaffin, sehr innovativ und sehr zukunftsgerichtet sind, waren die ersten, die die Möglichkeiten, die durch das Internet geboten wurden, nutzten.

Ihnen wehte aufgrund eines Bescheids der Rundfunkbehörde, die den ORF insgesamt bei seinen diversen Aktivitäten im Netz einschränkte, ein heftiger Wind entgegen.

EIGENSPERGER Ja, das war eine schwierige Situation, da unsere Hörer, mittlerweile schon in der zweiten. wenn nicht dritten Generation digital natives sind, die quasi nur die unbeschränkte Freiheit im Netz kennen. Es hätte unangenehm für uns werden können, ist es aber glücklicherweise nicht.

Wie wird FM4 abseits des klassischen Wegs des Radiozuhören genutzt?

EIGENSPERGER Radio ist als Medium sehr leicht zugänglich, aber es wird nicht mehr vereinfacht gesagt, nur aus dem Kastl genutzt, sondern auf mannigfaltigen Verbreitungswegen. Ich kann das sehr klar an folgenden Zahlen verdeutlichen: FM4 hat täglich etwa 270.000 HörerInnen, 410.000 x wird der Livestream im Monat angeklickt, es werden 175.000mp3-Dateien an Podcastabonnenten verschickt, wir haben 174.000 Facebook-Friends, 21.000 Twitter Follower, 1 Million Zugriffe auf die Website monatlich und unsere verschiedenen Apps wurden bis dato 275.000 Mal downgeloadet. Außerdem kam im letzten Jahr auch die Leiste “7 Tage FM4” hinzu. Wenn 110.000 Menschen da in einem Monat Spezialsendungen nachhören, ist das offenbar ein Service, das stark genutzt wird.

Ihre Inhalte werden zwar stark nachgefragt, aber mehr HörerInnen werden es offenbar nicht?

EIGENSPERGER: In dem Korridor um die 300.000 Hörer bewegen wir uns schon sehr lange. Sieht man sich die Kurve der letzten zehn Jahre an, dann sind wir trotz der vielen neuen Angebote, die uns Konkurrenz machen, sehr stabil geblieben. Wir haben aufgrund des anspruchvollen Programms eine zahlenmäßig beschränkte Zielgruppe, die ist jedoch sehr treu und aktiv, außerdem war es nie unser Auftrag, zu einem Massensender zu mutieren.

Welche Sendungen werden am meisten nachgefragt?

EIGENSPERGER: Wir waren immer ein Vorreiter in Sachen Musik und die vielen Spezialsendungen haben sicherlich zum Image von FM4 beigetragen. Da sind überaus engagierte Musikliebhaber am Werk, denen man vertrauen kann und auch wenn die Sendungen sich im Laufe der Jahre verändert haben, ist der Grundgedanke immer gleich geblieben: wir wollen Alternativen zum Mainstream bieten und immer die aktuellen Strömungen transportieren.

Früher sprach man vom sogenannten FM4-Sound, ist das nur mein subjektiver Eindruck oder wurde die Musikfarbe generell viel softer?

EIGENSPERGER: Ich glaube, dass man auch heute noch vom FM4-Sound spricht und spätestens nach drei Titeln weiß man, auf welcher Wellenlänge man sich befindet oder wie wir es ausdrücken: You’ re at home, Baby. FM4 spielt grundsätzlich sehr aktuell, da verschieben sich natürlich in so einem langen Zeitpunkt, von dem wir jetzt sprechen, die Schwerpunkte. Alle Musikgenres unterliegen einer Wellenbewegung, mal ist Hiphop, mal Dance stärker nachgefragt, der alternative Gitarrensound, mit dem viele auch FM4 assoziierten, ist im Moment eher zurückgetreten, aber gerade weil wir aus dem breiten Spektrum, für das wir uns immer schon verantwortlich fühlten, das aktuellste, neueste und beste rauspicken, erkennen wir vielleicht früher die Trends. Wir sind neugierig und wollen wissen, was das Morgen zu bieten hat. Das sind unsere Grundprinzipien, die wir aber nicht tierisch einhalten, denn das Programm wird noch immer von Menschen gemacht und wenn dann plötzlich jemand findet, dass auf was Rockiges was Softes kommt, ist es mir auch recht.

FM4 wird von der heimischen Musikbranche für sein Engagement in Bezug auf österreichische Musik gelobt. Sehen Sie Ihren Sender als Feigenblatt für den ORF?

EIGENSPERGER : Ganz sicher nicht, unser Anteil an heimischem Repertoire liegt konstant zw. 20-25 %, Auf unserer Plattform für neue Musik, dem FM4 Soundpark Soundpark haben wir 6800 registrierte MusikerInnen Ich setze mich dafür ein, Kulturschaffende und deren Wirken widerzuspiegeln. Das machen wir. so viel, wie wir können und ohne Grenzen. Es hängt aber natürlich vom aktuellen Repertoire ab. Wir spielen wenig Oldies. Genau in dem Musikspektrum, für das FM4 steht, ist eine wahnsinnig vielfältige Entwicklung passiert. Das ist kein Zufall. Österreichische Bands zu fördern war uns ohne Vorschriften ein wichtiges Anliegen und wird es auch weiterhin bleiben.

Was änderte sich in den 20 Jahren inhaltlich ?

EIGENSPERGER : Ähnlich wie in der Musik gab es keine radikalen Änderungen, es haben sich Schwerpunkte verschoben. Als tagesaktuelles Medium müssen wir immer schnell agieren, aber gleichzeitig auch die großen Zusammenhänge sichtbar machen. Man kann es am Beispiel Wirtschaft sehen, dieser Bereich spielte in den Anfangszeiten von FM4 noch nicht so eine große Rolle. Wichtig ist mir aber das Prinzip Nachhaltigkeit, nicht nur in Bezug auf Umweltschutz sondern in der journalistischen Auswahl. Wir liefern ein Angebot, wenn man so will eine mediale Heimat, die aber nie auf eine Szene beschränkt war, der Austausch, das über den Rand blicken ist FM4 immanent. Das liegt einerseits in der auch vom Rundfunkgesetz verordneten Zielrichtung – nämlich ein jünger orientiertes Kulturradio mit fremdsprachigen Anteil zu sein – andererseits ganz natürlich an unserem Mitarbeiterstab. Hier arbeiten Menschen aus 25 verschiedenen Ländern, da gibt es automatisch kein Ausgrenzen, sondern ein Interesse am Anderen, ein Austausch mit Neuem. Ausgrenzungen sind nicht unser Ding, wir versuchen solchen Themen mit Argumenten, Beispielen und Diskussionen entgegen zu treten.

Die langjährigen Gesichter von FM4 kennt man, wie hat sich generell der Personalstand in den Jahren verändert ?

EIGENSPERGER : Auch wir waren vom Sparzwang des ORF betroffen, Abteilungen hatte große Probleme, ihre Aufgaben erfüllen zu können. Gerade wir, die eine doch eher jüngere Zielgruppe bedienen, brauchen auch begabte Leute aus diesem Alter, denen wir gerne eine journalistische Perspektive geben möchten. WIr waren beinahe schon nahe am Stillstand und man weiß ja, dass fehlende Bewegung für einen lebenden Organismus tödlich sein kann. Ich gehe fest davon aus, dass wir heuer wieder offensiver werden dürfen.

Könnte in unserer Zeit, die so auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz ausgerichtet ist, heute noch ein Sender wie FM4 gestartet werden gelingen?

EIGENSPERGER: Unser Anspruch ist immer gleich geblieben, wir sind ein Sender, der bewusst den Mainstream anderen überlässt, eigene Themenwelten sucht, Neues fördert und dazwischen auch mal scheitern darf, der aber grosso modo an seine Visionen glaubt. Es braucht für alles Neue, die richtigen Leute, den richtigen Zeitpunkt, die richtige Idee und eine Prise Glück!