Samenlieferant, nicht gewalttätig



Der fünfzehnte Roman des niederländischen Bestsellerautors Arnon Grünberg wird von Kritik und Publikum als Höhepunkt seines schon vielfach preisgekrönten Werkes gefeiert. Ein schockierender und humorvoller Roman über einen »unmenschlich guten« Psychiater.
Wegen einer fehlgelaufenen Liebesgeschichte und falschen Anschuldigungen verliert Otto Kadoke seine Approbation als Psychiater in Amsterdam. Vor dem Nichts stehend, beschließt er, die Einladung seiner Verwandten Anat, einer fanatischen Zionistin, ins Westjordanland anzunehmen. Als der überzeugte Atheist und Anti-Zionist dort ankommt, muss er sich der Etikette halber zunächst als Anats Verlobter ausgeben, verliebt sich aber schließlich ernsthaft in sie. Sie willigt jedoch nur ein, ihn zu heiraten, wenn die beiden eine gottgefällige Ehe – das heißt mit vielen Kindern – führen, um das Heilige Land zu bevölkern und den Holocaust wettzumachen. Auf Kadoke warten viele Prüfungen.
Wer die Serie „Shtisel“ gesehen hat, dem ist das orthodoxe Leben der erzkonservativen Juden in Israel ein wenig vertraut, was für viele von uns auf Unverständnis beruht, wird bei Grünberg noch eine Schraube weitergedreht. Seine Hauptfigur muss soviel durchmachen, dass man nicht weiß, ob man über/mit ihm lachen kann oder doch eher bemitleiden muss. Neben dieser Eulenspiegel-Geschichte streut er aber immer wieder so kluge Gedanken und Beobachtungen ein, dass man innehält und nicht weiß, ob es sich um eine Komödie oder Tragödie handelt. „Das Getto ist im Grunde nichts anderes als die Angst, Anstoß zu erregen, Das innere Getto besteht aus der Überzeugung, selbst klein zu sein, dass andere dich klein halten wollen und du darum am besten auch klein bleiben solltest, um Schläge zu vermeiden. Doch auch kleine Menschen brauchen jemanden, auf den sie hinunterschauen können.“ Aus jeder Zeile spricht bei Grünberg existentieller Humor.
Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete (Kiepenheuer & Witsch), Euro 24,-