Was ist das Geheimnis?

Der irische Autor Roddy Doyle lässt sich in seinem aktuellen Buch viel Zeit, um zum Kern der Geschichte vorzudringen, aber das ist mit Sicherheit gewollt. Es geht um ein schwieriges Thema und auch um die dazugehörige Sprachlosigkeit, die mit viel Smalltalk übertüncht wird.
Fans des irischen Autors kennen vielleicht die Figur der Paula Spencer, die schon in früheren Romanen vorkam, mittlerweile ist sie 66, in Rente, trockene Alkoholikerin, Mutter und begeisterte Großmutter. Mit ihrer Freundin Mary steht sie in täglichem Kontakt und beide sind stolz – der Roman spielt während der Corona-Pandemie – sich halbwegs in der digitalen Welt zurecht zu finden. Paula lebt endlich alleine und ist damit sehr zufrieden, bis eines Tages ihre bis dahin so erfolgreiche Vorzeigetochter Nicola vor der Tür steht, weil sie sich von ihrem Mann trennt und die Kinder bei ihm lässt. Sehr zur Unfreude von Paula, doch möchte sie herausfinden, was der Grund sein könnte. Nach vielen Gesprächen und langsamen Herantasten an das heikle Thema kommt heraus, dass sie beide Zeuginnen höchst bedenklicher Entwicklungen sind.
Mutterschaft, Tochtersein, Familientrauma und Sucht sind alles keine leichten Themen aber Doyle gelingt es mit trockenem Humor die Stärken der Protagonistinnen aufzuzeigen. Mutter und Tochter finden sich zwischen Anekdoten, Witzen, Erinnerungen und Enthüllungen wieder, stellen sich der Vergangenheit und dem, was sie einander bedeuten. Die Frauen hinter der Tür ist ein zeitgemäßer und eindringlicher Roman von Booker-Preisträger und Meister des dialogischen Schreibens Roddy Doyle. Die berührende wie kraftvolle Mutter-Tochter-Geschichte wurde von Sabine Längsfeld ins Deutsche übersetzt.
Das gleichnamige HörErlebnis, gesprochen von Marion Elskis, erscheint bei GOYALiT.
Roddy Doyle: Die Frauen hinter der Tür (Goya), übersetzt von Sabine Längsfeld, gesprochen von Marion Ellis. Euro 24,-