Was für eine kolossale Statue!

Es ist erstaunlich und sehr erfreulich, was Verlage immer wieder an unentdeckten Perlen finden, speziell im englischsprachigen Raum. Es sind immer wieder Schriftstellerinnen, die zeit ihres Lebens nicht die gebührende Beachtung fanden, obwohl sie großartige Bücher schrieben. Eine davon ist zB. Molly Keane, die 50 Jahre lang unter dem Pseudonym M. J. Farrell schrieb. Zum Glück erlebte sie noch mit, dass ihr Roman „Das gute Benehmen“ 1981 für den Booker-Preis nominiert war.

Wir befinden uns in den 1920er- Jahren und alle Downton Abbey-Fans wissen, dass es da die Adelshäuser schon gehörig durcheinander wirbelte, aber dass man nach außen hin, immer noch den Schein zu wahren hatte. So auch in dieser Geschichte, die jedoch in Irland spielt.

Hinter den Toren von Temple Alice bröckeln Reichtum und Würde der Familie St. Charles. Die 1920er-Jahre in Irland sind rau. Aroon – die zu große, zu laute, zu selbstbewusste Tochter des Hauses – sehnt sich nach Zugehörigkeit und Zuneigung. Doch ihre unterkühlte Mutter ist zu sehr abgelenkt von den Betrügereien ihres Gatten. Und als Aroon sich ausgerechnet in den charismatischen Richard verguckt, erfährt sie, dass der eine Affäre mit ihrem geliebten jüngeren Bruder Hubert hat. Als Hubert bei einem Autounfall ums Leben kommt und ihre Eltern, anstatt zu trauern, das letzte Geld zum Fenster rauswerfen, plant Aroon ihre Rache.

»Das gute Benehmen« vereint Keanes herausragende, an Jane Austen geschulte Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen, mit bösem Witz und spitzer Feder. Es ist das scharfsinnige Porträt einer dem Untergang geweihten adligen Gesellschaftsklasse mit der unvergesslichen Aroon St. Charles als Erzählerin und Protagonistin. Im Vorwort wird sie mit der Serienfigur Fleabag verglichen und zumindest der Übersetzung „Ekelpaket“ könnte man teilweise zustimmen, wenn es nicht so befriedigend wäre, einmal mit einer höchst eigenständigen Frau, die sich aufgrund ihrer Erziehung um nichts kümmert, solidarisch zu sein,

Molly Keane: Das gute Benehmen (Kjona)Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Mit einem Vorwort von Tara-Louise Wittwer. Euro 26,-