Irgendwann kommt für die meisten Menschen der Zeitpunkt, ab dem die eigenen Eltern nicht mehr die großen, starken Erziehenden sind, sondern sich dem oft körperlichen und geistigen Verfall nähern. Natürlich hoffen alle, dass es möglichst spät geschieht, aber das liegt nicht im menschlichen Können.
Wer in dieser Problematik drinsteckt, wird das neue Buch der französischen Autorin Virginie Grimaldi sehr tröstlich finden. In einem höchst heiteren, liebevollen Ton schreibt sie über die Demenzerkrankung des 67-jährigen Vaters.
Julianne hasst Überraschungen. Ihr Leben ist durchgeplant, jeder Tag bis ins kleinste Detail organisiert. Als ihr launischer Vater Jean nach einem Hausbrand bei ihr einzieht, gerät ihre perfekte Struktur aus dem Takt. Jean, der schon immer ein Freigeist war, bringt seine Rente mit Teleshopping durch, hört laut Hardrock im Wohnzimmer und legt sich mit den Nachbarn an.
Doch hinter seinem exzentrischen Verhalten scheint mehr zu stecken. Julianne, die das Chaos nicht mehr ignorieren kann, spürt eine lähmende Sorge in ihrem Magen – die Diagnose Alzheimer steht wie ein Schatten zwischen ihnen. Die Familie drängt sie, Jean in ein Pflegeheim zu bringen, aber in Julianne regt sich ein anderer Plan …
Ein bewegender Roman darüber, wie sich die Rollen von Eltern und Kindern im Alter verschieben und dass das Leben immer unentdeckte Möglichkeiten bereithält.
Die Schauspielerin Heike Warmuth schlupft komplett überzeugend in die Rolle der Erzählerin, man leidet und schmunzelt mit ihr mit und freut sich über den letztlich versöhnenden Ton.
Virginie Grimaldi: Jetzt ist unsere Zeit (der Hörverlag), g elesen von Heike Warmuth, Euro 18,-