Sollte man einen Nachruf auf John Irving schreiben müssen- und Gott bewahre soll es nicht so bald dazu kommen – dann findet man in seinem aktuellen Roman schon genügend Material. Er selbst bezieht sich im letzten Drittel des Buches auf seine vorhergehenden (oder zumindest sein Alter Ego James Winslow) und so kann man auch zwischen den Zeilen erkennen, welches seine eigenen Favoriten aus seinem eigenen Schaffen sein.
Und dass Österreich eine große Rolle in seinem Leben spielt, zieht sich auch hier wieder durch, denn der Mittelteil handelt von Wien in den 1950-ern und ist trotz aller Kritik, die er seinen handelnden Personen über Österreich sagen lässt, („…die österreichische Neigung zum Fremdenhass“) ungemein humorvoll und perfekt recherchiert.
Es gibt drei bestimmende Handlungsstränge, der erste spielt in New Hampshire, der zweite eben in Wien und der dritte in Israel, denn Irving verbindet gekonnt den Antisemitismus, der sogar in einem kleinen Ort wie Pennacook/USA, wo die Geschichte ihren Ausgang hat ( „Die Bürger der Stadt Pennacook mögen niemanden der anders ist“) bis hin zur Gründung des Staates Israel. Verpackt ist das aber – typisch Irving – in einem ausufernden, komischen liebevollen Generationenroman.
Der angehende Schriftsteller Jimmy Winslow folgt den Spuren seiner leiblichen Mutter Esther Nacht von New Hampshire nach Wien. Doch als Jimmy dort ankommt, hat Esther die Stadt längst verlassen – in Richtung britisches Mandatsgebiet Palästina, um dort in der undurchsichtigen politischen Landschaft der frühen Sechzigerjahre ihren Weg zu gehen. Jimmy aber trifft in Wien das volle Leben. Annelies, die ihm Deutsch beibringen soll und seine große unerwiderte Liebe wird, Claude und Jolanda, die wie er ein Zimmer bei der Witwe Holzinger haben und mit denen er bald einen so verrückten wie aufregenden Plan schmiedet. Denn Jimmy soll auf Geheiß seiner Mutter in Wien Vater werden, um im Kriegsfall nicht zum Militär zu müssen. Als wäre das nicht genug, warten auf Jimmy noch ganz andere Herausforderungen: ein vaterloser Junge, ein Schäferhund mit Angst vor Gewitter und das Weltgeschehen, das einfach keine Pause macht.
Was er erlebt, ist eine spektakuläre Achterbahnfahrt, wie sie nur das Leben in John Irvings Büchern schreiben kann – voller großer Gefühle, unglaublicher Wendungen und Figuren, die uns nicht mehr loslassen. Und was der Roman mit Sicherheit auslöst, ist, sich wieder einen Dickens-Roman zu schnappen und reinzulesen.
John Irving: Königin Esther (Diogenes). Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul. Euro 32,-