Sich den Humor nicht nehmen lassen, auch wenn die äußeren Umstände alles andere dazu geeignet sind, ein sorgloses Leben zu führen, ist eine große Kunst und dieser verdanken wir dann Bücher wie das Vorliegende.
Der Libanese Rabih Alameddine hat eine große Liebeserklärung an seine Mutter geschrieben, indem er sein Leben in Beirut, das geschichtsbedingt von zahlreichen Kriegen und Auseinandersetzungen begleitet war, in Rückblicken lebendig werden lässt. Vom kleinen Bub, der aufgrund seiner Schmächtigkeit und seinem Interesse am Lesen schon früh Opfer für Spott der gleichaltrigen Kinder wurde, über seine Familie, die ihn – bis auf seine Mutter – verachtet, über eine Entführung, die gleichzeitig dazu führt, dass er seine Homosexualität erkennt und als Anfangs- und Endpunkt eine Reise in die USA.
In einer winzigen Wohnung in Beirut leben der 63-jährige Radscha und seine über 80-jährige Mutter Seite an Seite. Radscha, beliebter Philosophielehrer an einer höheren Schule und «der Schwule von nebenan», liebt Bücher, Spaziergänge, Ordnung und Einsamkeit. Zalfa empfindet das Bedürfnis ihres Sohnes nach Privatsphäre als persönliche Beleidigung. Sie will alles wissen: über seinen Alltag, sein Leben, seine Lieben. Als Radscha ein Stipendium in den USA angeboten wird, ist das die ersehnte Gelegenheit zur Flucht – vor der Mutter, dem politischen Chaos im Libanon und vor der eigenen Vergangenheit. Doch was als Neuanfang gedacht war, wird zur Rückschau auf persönliche und politische Katastrophen und bringt Radscha dazu, einen Verrat, den er eigentlich vergessen wollte, noch einmal zu durchleben.
Mit Witz, Wärme und schonungsloser Offenheit, wobei man die Entführungsgeschichte etwas kürzen hätte können, tanzt Rabih Alameddine in seinem Roman durch sechs Jahrzehnte libanesischer Geschichte und durch ein einzigartiges Leben voller Absurditäten. Seine tragikomische Liebessgeschichte erzählt von Familie, Erinnerung und dem unzerstörbaren Band zwischen einem Sohn und seiner Mutter.
«Meine Mutter zu entschlüsseln, war etwas, womit sich selbst Herkules schwergetan hätte – meine Mutter war seine unmöglich zu schaffende dreizehnte Aufgabe.»
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter), Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence (Beck Verlag) Euro 26,-