Jetzt wird der Kindskopf Martin Schlosser selbst Vater und man liest freudig, dass das nicht unbedingt Schlussmachen mit dem Leben davor heißen muss. Der freie Autor ist glücklich mit Helge liiert, bekommt neben seinen kleinen Aufträgen und Eigenveranstaltungen erstmals einen richtigen Batzen Geld von einem Verlag (Hoffmann & Campe), bei dem sein „Kindheitsroman“ erscheinen soll. Fans sind mit Martin Schlosser mitgewachsen, vom ersten Erinnern an die Kindheit bis eben nun, indem er schon den eigenen Roman thematisiert.
Y2K-Panik, Debatte um die Einführung des Dosenpfands, Michael Schumacher wird Weltmeister. Und wie ergeht es Martin Schlosser um die Jahrtausendwende? Den zieht es in die Großstadt, nach Hamburg, wo er mit dem Journalisten Rayk Wieland die Veranstaltungsreihe „Toter Salon“ ins Leben ruft, die erst im Hamburger Schauspielhaus und dann im Thalia Theater auf großen Bühnen steht. Und seine Literaturkarriere startet endlich richtig durch, das 21. Jahrhundert verspricht, ein gutes zu werden.
Wie immer macht es sehr großen Spaß mit diesem außerordentlichen Chronisten eine Zeitreise zu erleben. Man meint, man säße mit Max Goldt & Co mit am Biertisch und übt sich im Übertrumpfen an sprachlichem Witz. Dass Henschel aber mehr als ein „Schmähführer“ ist, beweisen immer wieder seine klugen Einschübe zu Vergangenheit und Zeitgeschichte, die einem daran erinnern, dass die Politik früher auch nicht besser war und ob Bild („faulige Mixtur aus Hitler, Blut und Sex“) oder social media das doofere Medium ist, ist mit freiem Auge kaum erkennbar.
Gerhard Henschel: Großstadtroman (Hoffmann & Campe), Euro 28,-