„Wir schaffen Bühnen für junge Menschen – bevor sie Stars sind“

Es sind definitiv die vielen kleinen Erfolge, die die Jeunesse-Generalsekretärin Birgit Hinterholzer antreiben. Die Momente, wo etwas gelingt. Ein Format funktioniert. Eine Künstlerin bekommt ihre Chance. Ein Kind erlebt sein erstes Konzert. Aber dass es so weit kommt, erfordert viel Arbeit erklärt die engagierte Musikvermittlerin Im Interview.

 Welche Neuerungen warten auf das Publikum in der Saison 26/27?
Die Jeunesse wird DER Ort für Jugendorchester in Wien. In insgesamt sechs Konzerten erlebt das Publikum vier Jugendorchester im Goldenen Saal des Musikvereins – das ist unsere klare Ausrichtung für die Zukunft. Wir glauben an sie, nicht wenn sie schon erfolgreich sind, sondern wenn sie noch am Anfang stehen. Wir hören genau hin. Wir wählen sorgfältig aus. Wir begleiten diese Ensembles, damit der Moment auf der Bühne wirklich etwas Besonderes wird. Wir unterstützen junge Menschen vom ersten Lebensjahr bis zum Karrierestart und darüberhinaus. Das ist keine Marketing-Strategie, das ist unsere Überzeugung Unser Programm besteht nicht aus den erwartbaren internationalen Orchestern und Stars. Unser Programm ist eine Begleitung der nächsten Generation.
Neu ist auch unser All-Stars-Format: Mittlerweile etablierte Künstler:innen, die früher bei uns waren, kommen zurück und setzen sich für die Jeunesse ein. Das zeigt: Diese Verbindung bleibt. Es wird auch etwas zurückgegeben. Uns und dem Publikum. Wir gehen außerdem noch weiter raus in die Bezirke: Wir bespielen mittlerweile 10 Bezirke mit zahlreichen Konzertformaten für Menschen jeden Alters

 Welche Herausforderungen hatte die Jeunesse in den letzten Jahren zu meistern und wie steht sie heute da?
Die Jeunesse ist über die letzten Jahre in eine schwierige finanzielle Situation geraten. Das hatte im letzten Jahr (2025) eine gesamte Umstrukturierung zur Folge und fast kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Eine Krise zwingt dich immer dazu, genauer hinzusehen. Die Krise hat uns gezwungen, uns zu verschlanken und auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Die Finanzen sind heikel, aber mittlerweile stabil. Wir haben eine wirtschaftlich angespannte Phase hinter uns, aber die Basisförderung trägt. Die Stadt und der Bund (und alle österreichischen Bundesländer!) halten an der Wichtigkeit von Jugendförderung fest. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist ein Auftrag. Und wir nehmen ihn an – mit Ehrgeiz und Optimismus.2025 haben wir einen neuen Vereinsvorstand bekommen und genau das hat es gebraucht, um in dieser reduzierten Struktur effizient steuern und jede Kurskorrektur gut vornehmen zu können.
Unser Team ist kleiner geworden, ja. Wir sind heute nur noch halb so viele wie vor 3 Jahren. Aber das aktuelle Team trägt diesen Kraftakt mit unglaublicher Kreativität und Professionalität.

Was sind die Erfolge der Kurskorrektur, die nun sichtbar und in der kommenden Saison noch verstärkt fortgesetzt werden?
Unsere größten Erfolge sind die, die man spürt, wenn man im Konzert sitzt. Da teilen Menschen jeden Alters und Herkunft einen besonderen Moment. In unseren Konzerten herrscht keine steife Atmosphäre, kein Dresscode, „come as you are“ ist die Devise. Und durch das Teilen von bewegenden Überraschungsmomenten – wir lassen uns ja immer etwas Besonderes einfallen –entsteht tatsächlich ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Das sind unglaubliche Erfolge, die man aber nicht immer in Zahlen messen kann.
Der Weg weg vom Abo war goldrichtig. Ja, es gibt Menschen, die das alte Modell vermissen.Aber wir haben kein eigenes Haus, wir bespielen alle Säle Wiens und dafür braucht unser Publikum maximale Flexibilität und auch wir haben diese Änderung gebraucht. Das ist einfach zeitgemäß und genau davor haben aber alle Konzertanbieter Angst. Unsere Besucher:innen sind unglaublich treu, probieren immer wieder Neues aus.

 Wo setzt die Jeunesse bewusst auf Experimente – und warum sind diese wichtig für die Zukunft der Musikvermittlung?
Musikvermittlung kann nicht bedeuten, dass wir nur Bewährtes wiederholen. Wenn wir junge Menschen erreichen wollen, müssen wir bereit sein, Dinge auszuprobieren. Nicht alles funktioniert sofort. Aber wenn wir uns nicht bewegen, dann gibt es uns irgendwann nicht mehr.Was für andere Häuser ein Risiko wäre, ist für uns Normalität. Jugendorchester im Goldenen Saal? Für etablierte Häuser undenkbar, für uns selbstverständlich. Oder unser „Start up!“: Vor jedem großen Konzert ein Vorkonzert mit der übernächsten Musiker:innen-Generation? Das gehört einfach dazu in der Jeunesse-Förderung. Featured Artists statt internationale Stars? Für andere ein Wagnis, für uns das Programm. Vermittlung ist bei uns integraler Bestandteil, kein Add-on. Für uns ist das die einzige Art, wie wir arbeiten wollen. Wir bieten auch viele inszenierte Konzerte und transportieren damit Musik auf mehreren Ebenen.

 Wer ist heute das typische Jeunesse-Publikum und wer soll es in fünf Jahren sein?
Die meisten unserer Konzertbesucher:innen sind zwischen 40 und 60 Jahre. Das sind unsere treuen Kund:innen, die wir auch in Zukunft begeistern wollen. Aber wir arbeiten daran, dass sich das Alter der Zielgruppe nach unten verschiebt. Wir wollen mehr junge Menschen erreichen. Mehr Menschen, die gerade erst anfangen, Konzerte zu erleben. Das soll unsere Richtung sein und damit arbeiten wir auch in unseren Preismodellen. Dass wir trotzdem auch weiterhin Stammpublikum ansprechen, macht den Konzertsaal zu so einem schönen Begegnungsort für alle Generationen.

 Wie holt die Jeunesse Menschen ab, die noch nie in einem klassischen Konzert waren?
Die Preise sind bei uns ein wichtiges Argument. Wir sind vor allem für Menschen bis 30 Jahren unschlagbar günstig. Zusätzlich begleiten wir Erstbesucher:innen über E-Mails und über Social Media. Da sind wir sehr gut und jugendlich unterwegs. Die Hürde ist tatsächlich der erste Besuch. Danach wird es leichter. Aber diesen ersten Schritt nehmen wir gemeinsam.

Was hat Sie als Generalsekretärin der Jeunesse in den letzten Jahren persönlich am meisten bestärkt?
Die breite politische Unterstützung nach der Neugründung unseres Vorstands. Dass so viele verstanden haben: Es braucht die Jeunesse. Das war nicht selbstverständlich. Es hat mich ehrlich bestärkt, dass ich mich auf den politischen Grundkonsens verlassen kann, dass Musikvermittlung und Jugendförderung unerlässlich sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit – das ist ein Auftrag. Und der Zusammenhalt im Team. Dass wir das mit der Hälfte der Leute schaffen – das hätte ich vorher nicht gedacht.
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