Niemand kann sich seine Herkunft aussuchen

„Nach dem Krieg bin ich hier gelandet. Eine lange Geschichte.“Mich hat auch der Krieg hierher verschlagen“.

Es sind zwei verschiedene Kriege und zwei verschiedene Herkünfte. Aber einer der beiden Männer hat seine gesamte Kindheit nach 1945 verdrängt. Unauffällig lebt er in einem kleinen Häuschen mit seiner Frau Margret und seiner Urenkelin Emily, die ein bisschen unter dem Kontrollzwang Margrets leidet. Was aber dahintersteckt, erfährt man erst durch die Rückblenden und weil immer wieder etwas aufbricht aus den verdrängten Traumata der beiden.
Wie so viele andere Kinder wuchsen Margret und Hartmut in einem Kinderheim auf, wo sie kaum vorstellbare körperliche und seelische Qualen erlitten, noch dazu von katholischen Ordensschwestern. „Du musst meine Hand fester halten“ sagt Margret zu Hartmut, als er ihr bei einem Ausgang zugeteilt wurde und sie sonst beide auf dem Eis ausrutschen würden. Ab diesem Zeitpunkt versucht sie ihn, so gut es geht zu schützen. Sie schafft es sogar, ihn aus dem Heim zu befreien, als sie selbst schon erwachsen ist und die beiden heiraten, bauen ein Haus, bekommen eine Tochter und reden nie wieder über ihre Vergangenheit. Erst nach dem Tod Margrets bringt die Urenkelin Hartmut zum Reden.

Es ist kaum auszuhalten, wie die Autorin den Missbrauch der Kinder beschreibt, aber auch wie stark diese waren, dass sie sich trotz allem ein gutes Leben schaffen konnten. Susanne Abel plädiert für die Aufarbeitung des erlittenen Unrechts sowohl durch den Staat als auch im persönlichen Leben, weil dieses Verdrängte sogar zwei Generationen danach noch Auswirkungen auf die Familie hat. Es ist aber nicht so leicht, sich dem auszusetzen, wie Dariusz meint, der Freund der Familie, der vor dem Krieg im Nahen Osten geflüchtet ist. „Viele wollen sich lieber nicht mehr umdrehen, weil der Blick zurück so wehtut.“
Auch für die Leser_in sind die Beschreibungen schwer auszuhalten, aber man wird mit einem starken Happyend belohnt.
Susanne Abel: Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104 (dtv) Euro 24,-