Um mit der Tür ins Haus zu fallen, dieser opulente Roman der Booker-Preisträgerin Kiran Desai ist das reinste Lesevergnügen. Auf 750 Seiten breitet sie die Geschichte der beiden, aus Indien stammend, in den USA lebenden Liebenden aus, die – wie es sich für eine richtige Liebesgeschichte gehört – lange brauchen, bis sie einander bemerken und dann zwischen Anziehung und Ablehnung mäandern.
Sonia studierte Literatur in den verschneiten Bergen Vermonts, Sunny arbeitet als Journalist in New York und träumt von einer großen Zukunft. Als sie sich in ihrer indischen Heimat zum ersten Mal begegnen, sprühen die Funken – bis sie feststellen, dass ihre Großeltern einst eine Heirat für sie arrangieren wollten. Alleine die Beschreibung wie sich die Altvorderen den Ritualen beugen oder darüber hinweg setzen ist so komisch, dass man daraus schon eine Novelle basteln könnte.
Sunny ringt mit der Suche nach Zugehörigkeit und danach, mit wem er sich identifiziert. Er fühlt sich unter anderen People of Color wohler, erkennt aber auch die soziale Schichtung und die Dominanz der weißen Kultur. Seine Beziehung zur Mutter könnte man fast toxisch nennen, sie ist eine derjenigen Mütter, die nicht loslassen können und ihren erwachsenen Sohn noch immer bevormunden.
Sonia und Sonny sind – obwohl von vielen Menschen umgeben- überaus einsam und erkennen im anderen einen Seelenverwandten.
Neben den Menschenbeschreibungen hat die Autorin Kiran Desai auch eine wunderbare Gabe für Naturbeschreibungen: ob New Delhi, Goa, Venedig oder Vermont, jeder Ort verströmt Sinnlichkeit. Man merkt, dass sich Desai überaus genau mit all diesen Orten und ihrer Kultur beschäftigt hat, sie schrieb auch fast zwei Jahrzehnte an der Geschichte. Das Buch bietet alles von Betrachtungen über Kunst und Zugehörigkeit bis hin zu unvorhergesehenen Verbrechen und seelenzerstörenden Eltern-Kind-Beziehungen. Es gibt diebische Tiere und unverheiratete Tanten, Strände in Goa und Schnee in Vermont.
Im Strudel ihrer chaotischen Familien, zwischen Tradition und Moderne, gehen sie sich verloren – und geben doch, auch Jahre später, die Suche nach dem gemeinsamen Glück nicht auf. Sonia und Sunny sind nicht nur verlorene Jugendliche der frühen 2000er-Jahre, die in einer sich rasant verändernden Welt nach persönlicher Erfüllung suchen, sondern auch Held und Heldin eines tragikomischen Epos.
Kiran Desai: Sonia und Sonny (S.Fischer) Euro 29,-