„Bück dich, damit sie sich groß fühlen“

Die Stadt, die die südafrikanische Schriftstellerin Nadia Davids in ihrem Roman lebendig werden lässt, hat wenig mit dem heutigen Kapstadt zu tun, was einerseits schade ist, aber andererseits natürlich unumkehrbar, da die Geschichte noch zu Zeiten des Kolonialismus spielt. Auch wenn nicht alle Weißen in Wohlstand schwammen, gehörten eine Villa und Hausangestellte zu einer Selbstverständlichkeit. So auch für die englische Witwe Mrs. Hattingh, die sich als Menschenfreundin sieht und doch so perfide ihr Hausmädchen Soraya ausnützt. Diese aber ist gewitzt genug und weiß sich zu wehren, auch wenn sie von ihrer Arbeit für die Engländerin existentiell abhängig ist.

Dass sie lesen und schreiben kann, anders als die meisten jungen Mädchen in der britischen Kolonie Südafrika, soll ihre neugierige Arbeitgeberin nicht gleich wissen. Doch die sozial engagierte Mrs Hattingh möchte ihr nicht nur etwas beibringen, sondern will auch Briefe an Sorayas Verlobten für sie schreiben.
Bald sieht sich Soraya gezwungen, immer mehr zu lügen und zu täuschen. Die beiden Frauen kreisen in der einsamen Villa immer argwöhnischer umeinander, denn auch Mrs Hattingh hat etwas zu verbergen, das offenbar mit ihrem im Ersten Weltkrieg verwundeten Sohn zusammenhängt. Erst allmählich erkennt Soraya das ganze Ausmaß der Intrigen. Und dann kommt es zur Eskalation…

Es ist eine spannende Geschichte, psychologisch fein ausgearbeitet und bringt einem ein wenig die Perspektive Schwarzer SüdafrikanerInnen näher. Geister sind selbstverständlich, die toten Frauen gehen aus und ein und auch wenn die weißen Engländerinnen versuchen, eine Séance zu veranstalten, hat das gar nichts mit dem zu tun, was Soraya sehen kann. Und weil das Buch vom Schweizer Verlag Dörlemann herausgegeben wird, ist es auch besonders schön gestaltet.
Nadia Davids: Kapfieber (Dörlemann), Übersetzt von Stephanie Singh, Euro 24,-