Viennale-Tipp: “Hochwald” von Evi Romen

Für das Debüt gab es gleich den Hauptpreis beim Zürich Filmfestival für Evi Romen (Foto: Andreas Rentz/Getty Images for ZFF 2020 )

„Drehen ist Adrenalin pur“

In der österreichischen Filmszene ist die gebürtige Südtirolerin Evi Romen wahrlich keine Unbekannte. Seit mehr als 30 Jahren ist sie als Editorin tätig, nun aber hat sie Lunte gerochen: sie will weiter Regie führen. Ihr Erstling „Hochwald“, der am 1.01. in die Kinos kommt, durfte schon beim Zürich Filmfestival den Hauptpreis einheimsen. Die Filmbegeisterte über ihre eigenen Ambitionen, Österreichs Filmbranche und die prägende Kindheit am Land.

Sie treten mit einem Erstling an und gewinnen sogleich den Hauptpreis beim renommierten Züricher Filmfestival. Was war das für ein Gefühl?
EVI ROMEN: Das ist natürlich überwältigend, aber ich hatte schon bei der Vorführung ein positives Gefühl, da das Publikum so mitging, so viele Emotionen zeigte. Meine Gedanken während der Weltpremiere waren eher technischer Natur: wie ob die Tonanlage richtig eingestellt ist, ob der Saal passend ist bis hin zum Entdecken winziger Fehler im Film. Aber grundsätzlich war es sehr erfreulich, nicht nur wieder Festivalatmosphäre zu spüren, sondern auch die Zustimmung zu bekommen, dass man etwas richtig gemacht hat.

Sie wagen sich mit Ihrer Geschichte auf vielerlei Arten, die wir noch besprechen werden, auf riskantes Terrain. War Ihnen das bewusst?
ROMEN: Meine filmische Haltung ist die der Beobachtung, das kommt eventuell aus meiner Editorentätigkeit. Die Idee entstand, als ich hörte, dass bei den Anschlägen auf „Bataclan“ (Anm. Konzertlokal in Paris, im November 2016 von Islamisten gestürmt) auch ein junger Südtiroler ermordet wurde. Wenn man so wie ich in der Nähe von Bozen aufgewachsen ist, vermeint man alle anderen Südtiroler zu kennen, was natürlich nie der Fall sein kann, dennoch lässt es einen aufhorchen, wenn es jemanden aus dem eigenen kleinen Land trifft. Es geht mir darum, eine Person zu zeigen, die zwar aus einem kleinen Dorf stammt, aber der gesellschaftlichen und geografischen Enge entfliehen möchte. Mario, die Hauptfigur ist ein Nonkonformist.

Es bleibt alles in der Schwebe, man weiß nie, ob er homosexuell ist, ob er Vater ist, ob er zum Islam konvertiert, wieviel Recherche steckt in dieser Figur?
ROMEN: Relativ wenig, da ich diese Zeit der jungen Männer durch meine Brüder kenne und ich denke, man kann eine Figur besser führen, wenn sie nicht zu dem ident ist, das man selber ist. Ängste die man selber hat, kann man über das „Gefäss“ Schauspieler befreiter inszenieren.

Während die Filmgewerke in den Händen von bekannten österreichischen Namen sind (Gschlacht, Ressler, Roth, Horwath etc.) sind die Schauspieler zum Teil noch recht frische Gesichter. Wie verlief das Casting bzw. wie ist es als erfahrene Editorin diese Aufgabe einer Kollegin zu übergeben?
ROMEN: Beim Schauspielensemble hatte ich weniger bestimmte Bilder vor Augen, sondern ging mehr dem Prinzip Intuition nach, es war von Anfang an viel Improvisation dabei. Und das scheint nicht schlecht gewesen zu sein, der Hauptdarsteller Thomas Prenn hatte seither schon einige namhafte Filme gedreht und auch die anderen sind, soweit ich dies überblicke, gut unterwegs. 
Der Filmschnitt in Händen meiner Kollegin Karina Ressler ist natürlich ein Glücksfall und wahrscheinlich hätte ich sehr lange gefuhrwerkt, sie nahm mir die im Fachjargon beliebte Phrase des „kill your darlings“ab. Ohne professionelle Unterstützung wäre es mir schwer gefallen, das Loslassen von Dingen wäre ein längerer Prozess gewesen. Ich bin natürlich froh, dass ich für überall Spitzenleute bekam, aber ich denke, das liegt an der Geschichte, die alle Beteiligten sehr interessierte.

Der Umgang mit Sexualität ist das eine, viel brisanter ist die Verwebung mit dem Islam. Hatten Sie nie Ängste, gewisse Tabus zu durchbrechen?
ROMEN: Homosexualität ist wahrscheinlich in Städten heutzutage kein Thema mehr, am Land noch immer. Grundsätzlich ist die Sprache in so einem Ort immer sehr verschlüsselt, man weiß nie genau, was passiert, man redet mehr darüber, als dass man etwas weiß. Der Islam ist für mich in der Geschichte nicht im Mittelpunkt, es geht um den Blick eines katholischen Menschen auf diese Gemeinschaft, es ist kein einziger Moment drinnen, wo man etwas über den Islam erklären müsste. Recherche war diesbezüglich nicht nötig, auch da konnte ich mich auf meine Beobachtungsgabe verlassen.

Die Gruppe der Koranverteilenden Muslims wirken wie harmlose Hari Krishna-Jünger in den 1970er- Jahren. Ein Kontrapunkt zu den strengen Messebesuchern der katholischen Kirche?
ROMEN: Im Prinzip sind die Religionen untereinander nicht sehr unterschiedlich, als ich jung war, waren katholische Priester Streetworker alles jetzt sind es islamische. Ich wollte eine Welt beschreiben, die ich kenne, aus den beobachteten Elementen meiner Jugend aber auch aus den Beobachtungen von heute. Wenn ein Kebabwagen zum ersten Mal im alpinen Raum auftaucht, sorgt das nach wie vor bei vielen für Unbehagen, aber ich wollte aber keinesfalls mit der Keule kommen und ein Minarett in den Tiroler Bergen zeigen.

Kann man „Hochwald“ als modernen Heimatfilm bezeichnen?
ROMEN: Absolut, wenngleich ich natürlich die Perspektive der Einheimischen einnehme und nicht den touristischen Blick auf die zweifelsohne wunderschöne Landschaft Südtirols. Ich habe versucht, nur Ausschnitte zu wählen, die man tatsächlich sieht, wenn man dort lebt, man hat als Bewohner nicht den Blick des Besuchers, als Tourist schaut man sich das Bergpanorama an, als Einheimischer schaut man nach unten, oder oben, da wo man halt hin muss. Gewisse Engstirnigkeiten, zum Beispiel „nicht über den Berggipfel schauen zu wollen“, sind immer noch vorhanden.

Die Hauptfigur findet als Ventil Zugang zum Tanz, zur Musik. Wie hatten Sie den Score angelegt?
R
OMEN:Schon während des Schreibens hörte ich viel Musik von Florian Horwath und nachdem er Tiroler und ein Seelenverwandter von mir ist, war es klar, dass wir seine Balladen nehmen, die sich perfekt für die Stimmung und die Persönlichkeit von Mario eignen. Die Songs, die sonst noch vorkommen, stammen aus der Plattensammlung meiner Großmutter, bzw. Waren ein Tipp von Johannes Silberschneider, der den Pfarrer spielt.

Haben Sie Lunte gerochen, wollen Sie weiter Regie führen?
ROMEN: Ja, das gefällt mir ungeheuer gut und ich schreibe schon an einem neuen Buch. Schreiben ist extreme Knochenarbeit, es erfordert ein großes Maß an Disziplin, Drehen hingegen ist Adrenalin pur. Man hat wenig Zeit, muss aber genau jetzt in der Sekunde voll konzentriert sein, man muss aus dem, was geschrieben steht und dem was da ist, möglichst schnell eine besonders gute Suppe kochen, dieser Adrenalinstoß hat mich ziemlich angesprochen, ich mag diesen Moment in dem alles gleichzeitig schief oder leicht gehen kann. Täglich neuen Situationen zu begegnen, alle Beteiligten zu motivieren, ihnen einen Energieschub zu verabreichen, finde ich so anregend, ein ganz toller Kick vor allem auch als „späte Debütantin“.

Wie beurteilen Sie generell die österreichische Filmbranche?
ROMEN: Ich finde die österreichische Filmbranche gigantisch, ich verstehe überhaupt nicht das Gejammer, es werden unglaubliche Leistungen geboten, die vor allem im Ausland hohen Anklang finden. Viele wissen gar nicht, welches internationales Echo das hiesige Filmschaffen hat! Andererseits wurde schon bei meinen Anfängen vor ca. 30 Jahren geklagt, dass alles den Bach runter gehen wird, aber es wird weiterhin Filme geben, es werden sich weiterhin die Bedingungen ändern und wir werden reagieren müssen, aber es werden sich immer wieder Möglichkeiten auftun, ich bin sehr zuversichtlich!

Kinostart: 1.1.2021, während der Viennale: 28.10. 17:30, Gartenbaukino, 29.10., 20:30, Filmcasino, 1.11. 13:00, Metro

Zum Film:
Bei einem Attentat verliert Mario seinen besten Freund Lenz. Er kehrt in das gemeinsame Heimatdorf in den Bergen zurück und kämpft mit dem Gefühl, sein Tod hätte die kleinere Lücke hinterlassen.
Regie & Drehbuch: Evi Romen | Kamera: Martin Gschlacht, Jerzy Palacz | Szenenbild: Katharina Wöppermann | Kostüm: Cinzia Cioffi | Maske: Sam Dopona, Verena Eichtinger | Montage: Karina Ressler | Ton: David Hilgers, Fabrice Osinski | Ko-Produzenten: Gregory Zalcman, Alan Knoll | ProduzentInnen: Alexander Dumreicher-Ivanceanu, Bady Minck | Ko-Produktion: Take Five | Produktion: AMOUR FOU Vienna
DarstellerInnen: Thomas Prenn, Noah Saavedra, Josef Mohamed, Elisabeth Kanettis, Helmuth Häusler, Ursula Ofner-Scribano, Katja Lechthaler, Claudia Kottal, Hannes Perkmann, Walter Sachers, Martin Augustin Schneider, Johannes Silberschneider und als Gast Kida Khodr Ramadan.
HOCHWALD ist eine AMOUR FOU Vienna Produktion in Coproduktion mit Take Five (Belgien) und entsteht mit Unterstützung von IDM Südtirol – Alto Adige, Österreichisches Filminstitut (ÖFI), ORF Film/Fernsehabkommen, Filmstandort Austria (FISA), MIBAC, Belgian Tax Shelter und Land Niederösterreich.
polyfilm Filmverleih wird HOCHWALD am 1.Jänner 2021 in die österreichischen Kinos bringen.