Warum liebt der Mensch sich selbst am meisten?

Jemanden zu treffen, der einem selbst am ähnlichsten ist, scheint der menschlichen Neugier eingeprägt zu sein. Warum freut man sich so, wenn man Ähnlichkeiten entdeckt, dieselben Vorlieben und Abneigungen teilt und sich im anderen widergespiegelt sieht. Man kennt solche Begegnungen eventuell in Ansätzen, aber gleich richtig einen Doppelgänger zu finden?
Die burgenländische Autorin Johanna Seebauer versucht es in ihrem neuen Roman und lässt einen jungen Mann auf sein älteres Alter Ego treffen.

Seine Endzwanziger hat sich Hendrik Popom anders vorgestellt. Nichts will ihm so richtig gelingen. In seinem Agenturjob sitzt er seine Zeit ab, mit seiner Freundin lief es schon einmal besser, und dann ist da plötzlich dieser Mann – Popóm. Er ist fast doppelt so alt und dennoch weiß Hendrik: Dieser Mann bin ich.
Zögerlich nähern sich die beiden einander an. Ihre Beziehung ist voller Rätsel, Zuneigung und Widerstände. Hendrik hofft, in seinem anderen Ich das zu finden, was ihm in seinem Leben fehlt – Halt und Zuversicht. Doch je stärker er sich an Popóm klammert, desto mehr weicht dieser zurück. Als er sich einer Kollegin anvertraut, begreift er, welch hohen Preis man zahlt, wenn man sich dem Leben entzieht.

In ›Popóm‹ entfaltet sich das klassische Literaturmotiv des Doppelgängers vor der Kulisse einer immer unübersichtlicheren Gegenwart. Nach dem großen Erfolg ihres Debüts ›Nincshof‹ und der beim Bachmann-Wettbewerb mehrfach ausgezeichneten Kurzgeschichte ›Das Gurkerl‹ lotet Johanna Sebauer erneut die Grenzen zwischen Fiktion und Realität aus – leichtfüßig und mit feinem Humor. Sie spart nicht mit leichtem Spott auf ihre SchriftstellerkollegInnen, auf die woke Gesellschaft, auf die Selbstbezogenheit vieler Menschen und zeigt sich als ganz großer Stefanie Werger-Fan. Was hätte dieser Austropop-Ikone zu ihrem 75. Geburtstag im heurigen Jahr besseres widerfahren können, als literarisch auch noch gewürdigt zu werden?
Johanna Seebauer: Popóm (Dumont), Euro 24,-