Zeuge unseres Lebens

.Als in Wien lebende Leserin ist es erstaunlich, wie genau die niederländische Schriftstellerin Judith Fanto die Stadt kennt bzw. recherchiert hat, denn ihre Geschichte spielt zwischen 1916 und 1948 und obwohl die äußeren Umstände bekanntermaßen nicht einfach waren, gelingt ihr trotzdem ein luftiger Roman um Freundschaft, Leben und Tod. Ihr historisches Wissen scheint umfassend zu sein, gleichzeitig gelingt es ihr, das Flair der Sommerfrische im Salzkammergut ebenso einzufangen wie die Grausamkeiten, die diese Zeiten begleiteten und von vielen als selbstverständlich erachtet wurden. Zum Glück ist die Gesellschaft heute liberaler, auch wenn es oft nicht so scheint.

Es ist ein nasskalter Februartag des Jahres 1948, als der niederländische Kunstrestaurator Hermann, genannt Manno, einen Brief erhält, der ihn unvermittelt zurück in die Vergangenheit wirft: Er ist gerade mal zehn Jahre alt, als seine Mutter 1916 stirbt, sodass Manno seine Heimatstadt Haarlem verlassen und zur Familie seines Vaters nach Wien ziehen muss. In der neuen Stadt fühlt er sich einsam und verloren, bis er in der Sommerschule Béla, Franzi, Max, Bertl und Lotte kennenlernt. Es entsteht eine Freundschaft, die die sechs jeden Sommer vertiefen. Außerhalb Wiens bei den gemeinsamen Ferien in Altaussee scheint es keine Rolle zu spielen, dass Béla schwul ist oder dass Max und Franzi jüdisch sind. Doch im antisemitischen Wien wird ihre Freundschaft zunehmend politisch, und spätestens, als Hitler am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in Österreich einmarschiert, tun sich innerhalb der Freundesgruppe Abgründe auf, die unüberwindbar scheinen. Jahre später blickt Manno zurück und legt das Bild ihrer unvergesslichen Freundschaft Schicht um Schicht frei.
Judith Fanto: Der Betrachter (Kein&Aber), aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt, Euro 25,-