Zeitgemäßer Kaffeehausliterat

Mit diesem Quartett ist dem Autor Stefan Soder ein Coup gelungen oder zumindest gibt es ihm die Möglichkeit, Politik und Medien klar aufzublättern und uns einen Blick hinter die Kulissen zu bieten. Leider kennt man vieles zur Genüge aus der österreichischen Innenpolitik, aber wenn es so erzählt wird, ist es wenigstens unterhaltsam.

Es fängt so unbeschwert an, als der Ich-Erzähler unversehens Chefredakteur einer Studentenzeitung wird und sich kurz darauf drei Leute bewerben, die allesamt talentierter sind und das Heft für sie zum Sprungbrett für weitere Karrieren wird.
Hans studiert Jus und wird später zum allmächtigen Politiker, die beiden Studentinnen Elena und Ulrike bleiben in der Medienbranche, nur Max, der Erzähler wird hauptberuflich Kellner, wobei er sich weiterhin als Schriftsteller fühlt. Von den Vieren werden Ulrike und Hans ein sogenanntes Powercouple, während Elena und Max weiterhin ihren linken Lebensentwürfen die Treue halten.
Soder hat wahnsinnig viel in diese Geschichte hineingesteckt, von den aktuellen politischen Zuständen („Anstatt Kompromisse zu suchen, ging es ausschließlich um die Bedienung der eigenen Klientel.“) über Journalismus („Medienarbeit ist nichts anderes als Politik, Politik ist zu einem Gutteil Medienarbeit“), Gentrifizierung, Kulturdünkel, Schlagerszene, Mutterschaft, Homosexualität bis hin zum richtigen Abtreten. Die Beobachtungen klingen alle so authentisch als hätte er selbst als Pressesprecher bei den Türkisen gearbeitet. Zum Glück ist der Höhepunkt der politischen Entwicklung nur fiktiv, aber so weit weg ist die Überwachung und komplette Kontrolle durch KI auch in unserer realen Welt nicht mehr.
Ob man eventuell die Geschichten um das Muttersein streichen hätte können, da sie ein wenig unglaubwürdig wirken, ist Geschmacksache, wenn dem Autor auch beim nächsten Buch wieder so viel einfällt, hat er nichts vergeudet. Auf gar keinen Fall sein Talent!
Stefan Soder: Cafe Selig (Braumüller) Euro 24,-