Aus alten Briefen wird Unterhaltung!

Und jetzt also die Oma, nachdem eingefleischte Henschel-Fans das Leben seines Alter Ego, nämlich Martin Schlosser von Kindheit an mitverfolgt haben (insgesamt 12 Romane von 2002 bis 2025).
So persönlich diese Erinnerungen auch sind, sind sie vor allem ein Stück deutscher Zeitgeschichte und aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Da ist vor allem die detaillierte Recherche, die sich Gerhard Henschel antut, um überhaupt seine Bücher schreiben zu können, da sind so viele Einzelschicksale und ganz ganz selten fängt jemand zu jammern an. Das Leben war auch für die 1906 geborene Oma Jever, gestorben 1993 kein leichtes, mit fünf Töchtern und einem Ehemann, der als Lehrer sein Geld verdiente. Da hieß es jeden Pfennig umzudrehen und möglichst sparsam hauszuhalten. Wenn sie sich dann in späteren Jahren eine heiße Schokolade mit Schlagobers gönnt, ist das für sie noch immer Luxus.

Zwei Weltkriege, ab und zu Inflation, die erste Waschmaschine, die Mondlandung, die Geburt des Internets: Oma Jever hat einiges erlebt. Ihre überraschende und höchst unterhaltsame Lebensgeschichte ist zugleich die Geschichte eines gelinde gesagt ereignisreichen Jahrhunderts, in dem Oma Jever Kinder großzog, Enkel betreute, Gäste bewirtete, Krisen meisterte und dabei stets den Herd im Blick behielt. Mit trockenem Humor erzählt sie nicht nur aus ihrem Leben, sondern fällt auch gnadenlose Urteile, wenn sie mal einen Film sah: „Es war ja ganz unterhaltsam, aber reichlich an der Grenze des Erträglichen.“
Ein einzigartiger, warmherziger Roman, der auf hinreißende Weise genauso vom großen Lauf der Geschichte erzählt wie von einer genialen Oma, die die knusprigsten Schollenfilets briet.
Gerhard Henschel: Oma Jever (Hofmann & Campe) Euro 23,-