Die Leselust treibt an

Grundsätzlich ist dieses Buch natürlich nicht wetterabhängig, aber im grauen November eine Reise – und sei sie nur im Kopf – nach Andalusien zu unternehmen, ist keine schlechte Idee. Noch dazu wenn der Reiseleiter der Schriftsteller Linus Reichlin ist bzw. der fiktive Señor Herrera.
Der Ich-Erzähler zieht sich aufgrund von Herzrasen in ein abgelegenes Trappistinnenkloster in Spanien zurück, um mithilfe des dort vorherrschenden spartanischen Lebensstils und Yogaübungen wieder zur Ruhe zu kommen. Doch sonderbarerweise scheint alles, was er dort erlebt, aus einem seiner Romane zu stammen. Der Koch des Klosters, ein ehemaliger Matador, bestärkt den Schriftsteller noch darin, dass er alles schon vorhergesehen hat. Im Verlauf der turbulenten Geschichte schaukeln sich die beiden immer weiter in eine alternative Wirklichkeit hinein, bei der am Schluss aus einer spanischen Zisterzienser-Nonne eine deutsche Textildesignerin wird, die ein Problem mit der Mafia hat. Oder ist es vielleicht wirklich so?
Lustvoll verwebt Reichlin die beiden Erzählsprünge, verweist nicht zufällig auf Fernando Pessoa oder Miguel Cervantes, macht sich einen Jux aus des/r Lesers/ins Neugier und entwirft höchst eigenwillige Persönlichkeiten. 
Ein turbulenter Roman über Wahrheit und Phantasie, Schein und Sein, Yoga und Dichtung – so poetisch, witzig und schräg wie ein Film von Pedro Almodóvar.
Linus Reichlin: Señor Herreras blühende Intuition (Galliani Berlin) Euro 20,-