Finanzkapital ist die Fiktion einer Fiktion

Um mit der Tür ins Haus zu fallen, Hernan Diaz ist ein Meister der Verdrehungen. Seinen neuen Roman lässt er ganz konventionell beginnen, als wäre es eine Geschichte aus dem 19 Jahrhundert. Die Sprache, die Möglichkeiten, der Alltag, die Frauen, die Salons etc.- man wähnt sich in einem Roman von Henry James aber hat man den ersten Teil gelesen, wird es verwirrend. War davor derAufstieg des Großvaters im Mittelpunkt, ist plötzlich der Enkel dran.
Es beginnt in der schillernden New Yorker Finanzwelt der 20er-Jahre , in der Benjamin Rasks Vermögen ins Unermessliche wächst. Er ist ein Mathematikgenie und Außenseiter und erst seine Ehe mit der geheimnisvollen Helen gibt seinem Leben Sinn. Bald vibriert die ganze Stadt vor Gerüchten um das enigmatische Paar, und mit der Zeit beginnen die vielen Erzählungen die Wahrheit über die Eheleute zu verschleiern. Bis sich eine unerwartete Stimme in dem Gewirr Gehör verschafft.
Insgesamt besteht das Buch aus vier Teilen und man hat den Eindruck, dass es dem Autor Freude macht, die LeserInnen auf verschiedene Fährten zu schicken. Gleichzeitig sind die Ereignisse so detailreich beschrieben, dass einem das Leben dieser wunderlichen Menschen – so fern deren Reichtum auch ist – beinahe vertraut wird. Man lernt en passant einiges über die Finanzwelt, die im Grunde von denselben Parametern heute wie damals erfüllt wird. Gier, Geschick und Überblick.
„Man kann Geld weder essen noch anziehen, aber es steht für alles Essen und alle Kleider der Welt. Deshalb ist es Fiktion. Und dadurch wird es zum Maß, mit dem wir den Wert aller anderen Waren bestimmen.“
Hernan Diaz‘ Roman dekonstruiert den amerikanischen Mythos von Männern, Macht und Reichtum und gipfelt in einer provokanten Geschichte der Emanzipation. Und lässt die Frage aufkommen, wer Wirklichkeit konstruiert.
Hernan Diaz: Treue (Hanser Berlin) Euro 27,-