Immer diese Mödlinger Autofahrer!

Ob Daniel Glattauer ahnt, was er uns LeserInnen mit seinem Emailroman (Gut gegen Nordwind“) angetan hat? Diese Form der Kommunikation wird in vielen Geschichten ausgeführt, Daniel Wisser lässt seine zwei Hauptpersonen ihre Banalitäten via WhatsApp austauschen.
Victor ist Mitte vierzig, kinderlos und der letzte Sozialdemokrat in einer Wiener Familie mit langer linker Tradition. Aber selbst seine Mutter und seine Tante hat der politische Rechtsruck inzwischen erfasst. Mit der Rückkehr von Victors Cousine Karoline aus dem Ausland flammt eine alte heimliche Liebe wieder auf. Als aus ihnen ein Paar wird, droht die Familie an dem Skandal zu zerbrechen.
Die ungewöhnliche Liebesgeschichte mit Kinderwunsch der schon in ihren 40-er befindlichen Verwandten beschreibt Wisser eher nobel zurückhaltend, mehr Leidenschaft steckt in den politischen Entwicklungen Österreichs im 20. Jahrhundert. Das geht vom Elend der Ziegelarbeiter in Wien Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum „Ibiza-Skandal“ 2019. Während sich Karolina besonders für die Gegenwart interessiert und aus Freude über das Zurücktreten der damaligen Regierung gleich eine Flasche Prosecco köpft, ist Viktor ( benannt nach Victor Adler) eher an der Vergangenheit interessiert bzw. lässt seine Antipathie gegen Mödling, Wien, Emojis, Amazon recht breiten Raum. Große Erkenntnisgewinne wird man aus der Lektüre nicht gewinnen, aber dafür ist Wisser mit dieser letztendlich Familiengeschichte ein richtiger Pageturner gelungen (wobei sich damit der Kreis zu Glattauer wieder schließt).
Daniel Wisser: Wir bleiben noch (Luchterhand)